|
Die
Evolution in eigener Regie
In einem Punkt hat Sloterdijk Recht:
Über die Normen für gentechnische Eingriffe muss öffentlich debattiert
werden
Von Walther Ch. Zimmerli
Je mehr man es dreht und wendet: Das, was
inzwischen der "Sloterdijk-Streit" heißt, entwickelt sich zu einer auf
unterschiedlichen Bühnen inszenierten, wundersamen Chamäleon-Affäre. Die Zuschauer
reiben sich inzwischen fast täglich erstaunt die Augen über des Streites neue Kleider.
Da war einmal die Empörung über einen - mehr oder minder geheimen - als faschistoid
gebrandmarkten Skandaltext zur biologischen Menschenzüchtung, nicht mehr ganz taufrisch
allerdings, war er doch schon Jahre zuvor einem kunstsinnigen Basler Publikum vorgetragen
worden ohne größeren Eklat. (Merke: Wenn man dasselbe in Basel oder auf Schloss Elmau
sagt, es ist eben nicht dasselbe!)
Aus der Elmauer Empörung wurde handkehrum ein geschichtsphilosophischer Wettstreit in
Sachen Nekrologie nach dem Muster: Sagst du meine Kritische Theorie tot, schreibe ich
einen Nachruf auf deinen Postmodernismus. Dass es auch in unserer philosophischen Zunft,
aller Rede vom Ende des Humanismus und der Zukunft der Anthropotechniken zum Trotz,
ungezähmt und spürbar menschelt, lässt sich unschwer an dem Gezänk verletzter
Eitelkeiten ablesen, das schon bei leichter Fremdeinwirkung unter dem schnell
abblätternden Rationalitätsfirnis zum Vorschein kommt. Kaum verwunderlich auch, dass bei
diesen Debatten die Gewährsleute Platon, Heine, Nietzsche, Heidegger und - horribile
dictu - auch Robespierre mehrfach in teils abenteuerlicher Weise die Seiten und die Farben
wechseln.
Bedauerlich ist allerdings, dass in der Hitze des Gefechts auch schon mal vergessen wird,
worüber man sich eigentlich streiten sollte. Statt die im Elmau-Vortragstext -
zugegebenermaßen mehr provokant als kompetent - ausgesprochene Botschaft zu diskutieren,
hat man sich männiglich darauf geeinigt, lieber über den Boten zu klatschen; statt des
gemeinten Sackes schlägt man vorsichtshalber gleich den Esel; es könnte sich ja um einen
trojanischen handeln.
Den philosophischen Beobachter, der von der - zumindest voreiligen - Todesanzeige der
Kritischen Theorie unbeirrt an seinem ideologiekritischen Geschäft festhält, wundert das
kaum, hat doch Habermas schon vor fast vierzig Jahren den Strukturwandel der medialen
Öffentlichkeit trefflich diagnostiziert. Nicht nur Sloterdijk spielt für die Galerie.
Und der Streit um Leute befriedigt eben den schlüssellochguckerischen intellektuellen
Voyeurismus mehr als ein Streit um die Sache.
Nun aber, da der Kampf bereits in die vierte Runde geht, zeigt das Publikum deutliche
Ermüdungserscheinungen, was den Personality-Teil betrifft. Und langsam beginnen sich die
Showdown-müden Leser daran zu erinnern, dass es einmal ein Thema gab. Ernst Tugendhat ist
es zu danken, dass wir jetzt über Sloterdijks Thesen in einer konzisen Kurzfassung
verfügen (ZEIT Nr. 39/99). Die aber macht klar, dass es sich von Anfang an gar nicht um
einen Sloterdijk-Streit handelt. Sloterdijk hat nur in der ihm eigenen Sensibilität für
Fragen, die publikumswirksam zu diskutieren an der Zeit ist, auf Probleme hingewiesen, die
anderswo längst kompetent verhandelt werden.
Längst beeinflussen die Menschen ihre Entwicklung
Lässt man all die Nietzsche-Philologie und Heideggerei beiseite, geht es bei dem von
Sloterdijk angesprochenen Problemfeld vordringlich um drei Fragen:
1. Gilt die "große biologische Rahmenerzählung" von der Evolution nicht nur
deskriptiv und als ex-post-Erklärung, sondern auch präskriptiv und prognostisch? Anders:
Wenn die Evolutionsbiologie uns lehrt, dass jede Spezies sich entweder biologisch
weiterentwickelt oder ausstirbt, warum sollte das nicht auch für Homo sapiens sapiens
gelten? Und was würde das bedeuten, vorausgesetzt, er stürbe nicht aus?
2. Bedeutet die uns spätestens seit Herder geläufige These, dass die kulturelle
Evolution der Menschen Fortsetzung der natürlichen Evolution sei, auch, dass Homo sapiens
sapiens nun seine natürliche Evolution "in die eigene wissenschaftlich-technische
Hand" nimmt?
3. Vorausgesetzt, die beiden ersten Fragen könnten bejaht werden, nach welchen Prinzipien
und Normen sollen wir über die von uns selbst vorzunehmenden evolutionären
Veränderungen unserer eigenen Spezies beraten und dann vielleicht auch entscheiden?
Es bedarf weder besonderen Scharfsinnes noch spezieller Schulung, um zu bemerken, dass zum
einen die beiden Fragen sich nur scheinbar auf objektive, das heißt "bloß"
biologische-evolutionäre Sachverhalte beziehen und dass zum anderen beide Fragen de facto
bejaht werden müssen: Schließlich ist Evolution als wissenschaftliches Konstrukt
mindestens auch eine Kulturleistung. Und dass wir unsere Entwicklung bereits jetzt durch
Wissenschaft und Technik nachhaltig beeinflusst haben und weiterhin beeinflussen, dürfte
auch diesseits der Anwendung gentechnischer Methoden außer Frage stehen. Man denke nur an
die Veränderungen der auch biologischen Zukunft von Homo sapiens sapiens durch solch
relativ unkontroverse technische Leistungen wie die Erfindung von Brillen, die Entwicklung
von Antibiotika oder die Produktion von Insulin.
Aber auch ein Bereich, der gegenwärtig explosionsartig wächst, sollte hier nicht
vergessen werden. Der Mensch hat - völlig ohne genetische Anthropotechnik - bereits eine
ungeheure Erweiterung seiner kognitiven Apparatur vorgenommen: Das Internet, verstanden
als weltweit dezentral verteilte DAI (Distributed Artificial Intelligence) gehört zu den
kulturellen Anthropotechniken, hinter deren schierer Leistung einstweilen alle Golem- und
Frankenstein-Fantasien verblassen - von angeblich intelligenteren Mäusen ganz zu
schweigen.
Und selbst im engeren biologischen Bereich, den wir hierzulande (aus guten Gründen der
Erinnerung an die "beispiellos verdüsterten Jahre" nicht nach, sondern vor
1945) ungern "Züchtung" nennen, gilt, dass wir Menschen einen Teil unserer
Evolution in eigene Regie genommen haben. Nicht die Produktion eines "besseren",
"höheren" Menschen meine ich, die in Fachkreisen lakonisch als
"Verbesserungstherapie" (enhancement therapy) bezeichnet und weitgehend
tabuisiert wird. Sondern schon die genetische Beratung, die heute bereits auf
molekularbiologische Diagnosen heterozygot übertragener Erbkrankheiten zurückgreifen
kann, verändert, wenn auch indirekt, den Genpool der Spezies. Die Gefahr einer backdoor
to eugenics hat Troy Duster hier bereits 1990 gewittert, und man muss zugeben: So ganz
zufriedenstellend sind die dagegen vorgebrachten Entkräftungsargumente nicht ausgefallen.
Wir sehen deutlich, dass Sloterdijk in einer Beziehung Recht hatte (ob er es nun so
gemeint hat oder nicht): Die Frage nach Regeln und Normen, mit deren Hilfe wir uns in den
anstehenden Einzelfällen für oder gegen gentechnische Eingriffe entscheiden müssen,
wird zur Zentralfrage. Nicht erst in hoffentlich nie eintretender menschenzüchterischer
Zukunft, sondern schon seit Jahrzehnten und jetzt in zunehmendem Maße. Der von Christian
Geyer (FAZ 16. September) propagierten Irrmeinung, dass Sloterdijks Rede schon dadurch
legitimiert sei, dass bislang die "drängende Aktualität dieses Jahrhundertthemas in
einem signifikanten Missverhältnis zu seiner philosophischen Bearbeitung" stehe,
könnte leicht abgeholfen werden: Schon ein Blick in die Literatur und auf die
vielfältigen Institutionen, die kenntnisreich und mit Erfolg an der biopolitischen
Entscheidungsfindung mitwirken, würde genügen. Man denke an die ersten
Ethik-Experten-Hearings beim Bundesforschungsministerium in den frühen achtziger Jahren
oder den breiten gesellschaftlichen Diskurs im Umfeld der Gentechnik-Enquête-Kommission.
Und so kurz kann unser Gedächtnis gar nicht sein, dass wir uns nicht wenigstens an die im
vergangenen und in diesem Jahr vehement geführten öffentlichen Debatten um die
"Bioethik-Konvention" erinnerten.
Indessen - das ist noch nicht alles; es geht Sloterdijk um die Elite. Dass es mit dem
Griff in das Züchtungsgruselkabinett doch nicht so ganz ernst war, sieht man daran, dass
Sloterdijk nun unversehens wieder mit einem Konzept aufwartet, das sich "an den
Prämissen der liberalen Elitebildung" orientiert (Tagesspiegel-Interview, 19.
September). Der dahinter zu entdeckende Gedanke des Optimierungswettkampfes erweist sich
allerdings als eingebauter kulturalistischer Selbstzerstörungssprengsatz für die zuvor
propagierte Menschenzüchtung.
Nicht in der abwegigen Züchtungsidee liegt also die Bedeutung von Sloterdijks
"Menschenpark"-Rede, sondern allein in ihrer geschilderten massenmedialen
Funktion. Wie der Subtext zum Menschenpark-Streit wirkte eine in der vergangenen Woche
lancierte Meldung, dass es Genforschern aus der Schweiz und den USA gelungen sei,
"lebensfähige Tiere als Miniaturen zu kreieren", was etwa für Norbert Lossau
in der Welt vom24. September offenbar hinreichender Anlass für einen Leitartikel zur
Beantwortung der bangen Frage war: "Erster Schritt zum Mini-Menschen?" Solange
die Gentechnikdebatte mit Publizität dieser Art rechnen muss, hat die Bio- und Genethik
ihre Schularbeiten noch nicht zufriedenstellend gemacht. Es zeigt sich: Die Debatte über
die ethischen Regeln für die Anthropotechniken wird zwar kompetent geführt, aber
offenbar nicht in genügend breiter Öffentlichkeit.
Insofern hat Sloterdijk seine Schuldigkeit getan. Jetzt kann er gehen und an seinem
"Sphären"-Projekt weiterarbeiten. Oder sich vielleicht einmal in einem
Pflanzenzüchtungslabor darüber informieren, wie schwierig das, was er den schaudernden
Zuhörern als Menetekel an die Elmauer Wand geschrieben hat, schon bei Zuckerrüben oder
Mais zu realisieren ist - von den Menschen ganz zu schweigen.
© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 40
All rights reserved.
|
|