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Lebenswissen - Das Jahr der Lebenswissenschaften - auf dem Weg zu einem
neuen Gründungsmythos?
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Berliner Zeitung

Aufklärung über technologische Allmachtsfantasien

Forschungsministerin Bulmahn eröffnet Jahr der Lebenswissenschaften und hofft auf eine breite Debatte über Gentechnik

BERLIN, 2. Februar. Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat in Berlin das Jahr der Lebenswissenschaften eröffnet. Sie hofft, damit vor allem über die Bio- und Gentechnologie eine breite Debatte in der Gesellschaft anzustoßen. "Kein anderes Forschungsfeld bewegt die Menschen emotional, rational und intellektuell so sehr wie die Lebenswissenschaften", sagte Bulmahn.

Die Ministerin beteuerte, dass sie die Ängste und Befürchtungen der Bevölkerung gegenüber der Gentechnik ernst nehme. Sie betonte jedoch am Donnerstagabend: "Wissenschaft lebt nicht in einem rechtsfreien Raum, sie ist an ethische und rechtliche Maßstäbe gebunden."

Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Der entschlüsselte Mensch: Beginnt ein neues Zeitalter?" erinnerte Bulmahn daran, dass es bei neuen wissenschaftlichen Methoden wie der Gentechnik entscheidend sei, mit welchen Zielen sie betrieben würden. Umweltfreundlichere Substanzen oder bessere Medikamente und Therapien zu entwickeln, halte sie für erstrebenswerte Ziele. Gentechnische Forschung mit dem Ziel, einen Menschen zu klonen, bezeichnete die Ministerin dagegen als "pervers".

Die beiden Naturwissenschaftler in der Diskussionsrunde, Jens Reich vom Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Berlin-Buch und Christiane Nüsslein-Volhard vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, verwiesen darauf, dass die Vision vom geklonten oder genetisch perfektionierten Menschen nicht nur verwerflich, sondern auch technisch unrealistisch sei. "Ich glaube nicht, dass es möglich ist, einen Menschen zu designen", sagte Reich.

Die Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard hält das Klonen per Kerntransfer, wie es erstmals bei dem Schaf "Dolly" angewendet wurde, für ein technisch ineffizientes Verfahren. Sie glaube nicht, dass es möglich sei, diese Methode reihenweise anzuwenden. Auch das therapeutische Klonen, bei dem mit der gleichen Technik Ersatzgewebe oder -organe entstehen, hält die Entwicklungsbiologin aus diesem Grunde für wenig aussichtsreich.

Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk ist sich hingegen sicher, dass "an einzelnen Exemplaren" künftig gentherapeutische Optionen versucht werden. "Wenn dies schlüssig und sozial verträglich ist, wird sich die Gesellschaft dem auch beugen", sagte Sloterdijk. Er forderte ein breites Gespräch über den Begriff des Lebens.

Forschungsministerin Edelgard Bulmahn erhofft sich vom Jahr der Lebenswissenschaften mehr Aufklärung, um den "technologischen Allmachtsfantasien und den tief gehenden Befürchtungen von Missbrauch der Forschung" entgegenzutreten.

http://www.BerlinOnline.de/wissen/berliner_zeitung/archiv/2001/0203/politik/0090/index.html?keywords=Gentechnik&ok=OK%21&match=strict&author=&ressort=&von=3.2.2001&bis=4.2.2001&mark=gentechnik

Ein Service von Berliner Zeitung, TIP BerlinMagazin, Berliner Kurier und Berliner Abendblatt. © G+J BerlinOnline GmbH, 05.02.2001

"Lebenswissenschaft" - 
doch bloß ein eingedeutschtes Nachplappern der "life science"-Parole der globalen Gentech-Konzerne?

Zwar bekennt Frau Bulmahn bei einer Podiumsdiskussion ("Der entschlüsselte Mensch: Beginnt ein neues Zeitalter?") "technologischen Allmachtsfantasien und den tief gehenden Befürchtungen von Missbrauch der Forschung" entgegentreten und  (in der Podiumsdiskussion) unter "Lebenswissenschaften" auch Psychologie, Sozial- und Kulturwissenschaften verstehen und im Jahr der Lebenswissenschaften miteinander ins Gespräch bringen zu wollen -  doch nur mit den Lippen?

Denn auf den Web-Seiten zum "Jahr der Lebenswissenschaften" ist keine Rede davon. Weder finden sich dort Hinweise auf die Absicht "technologische Allmachtsfantasien" aufklären, noch darauf, die Gentechnik-Forschung und Anwendung in eine gründliche aufklärende Debatte mit Psychologie, Sozial- und Kulturwissenschaften bringen zu wollen. Und auf der Seite "Life Science Live" wird "Lebenswissenschaft" 1:1  gleichbedeutend mit "life science" benutzt.

Frau Bulmahn - genau so kreidestimmig wie die "lifes science"-Parole der Gentechnik-Konzerne? Die Verkünderin eines neuen Gründungs-Mythos der "neuen Herren der Sch®öpfung": "Der entschlüsselte Mensch: Beginnt ein neues Zeitalter?"; und instrumentalisierte Fürsprecherin globaler  "life science"-Konzerne - wieder einmal exakt nach den Empfehlungen von Burson Marsteller?

Welche Ordnung eines "neuen Zeitalters" dieser Gründungsmythos begründen könnte, davon geben die "Regeln für den Menschenpark" eine Vorstellung - egal ob Sloterdijk seine Vision ernst oder ironisch meinte. Sein Text weist aber Brüche auf - z.B. die Hinterfragung des "Geburtenfatalismus" vor dem Hintergrund seiner vorauseilend gehorsamen Verbeugung vor dem  weder benannten noch thematisierten    "Wissenschaftsfatalismus" (= erhfürchtige Hinnahme und Anwendung jeder Eierkopf-Ausgeburt  wie die Geburt eines Kindes), der sich hinter der Benennung der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse als das "Unumgängliche, das zugleich das Nichtbewältigbare" ist (s.a. obigen Artikel: Gewißheit, daß an einzelnen Exemplaren die gentechnischen Optionen versucht werden). Ist bei solchen Brüchen ausschließbar, daß auch er als instrumentalisierter Fürsprecher am Gründungsmythos der neuen Herren der Sch®öpfung bastelt?