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Lebenswissen ist
mehr als das vollständige Verständnis aller Genome! Das alltägliche Leben selbst und
die Psycho-, Sozial- und Kulturwissenschaften brachten schon immer Lebenswissen
hervor. Wer Genforschung "life science" oder Gentechnik
"Biotechnologie" nennt, will einen kleinen Teil zum ganzen Lebenswissen verab-
solutieren. Das ist eine selbstüberschätzende Größen- oder Allmachtsphantasie. Zur
Aufklärung technologisch- er Allmachtsphantasien durch einen Dialog der Moleku-
larbiologie und Gentechnik mit den Lebenswissenschaf- ten hat sich Frau Bulmahn beim
Auftakt zum "Jahr der Lebenswissenschaft" zumindest mündlich bekannt.
Gilt das gesprochene Wort?
Allmachtsphantasien kritisiert schon die Genesis.
Denn zu den teuflischen Einflüsterungen der Schlange am Baum der Erkenntnis gehört die
Verheißung, zu werden wie Gott. Hybris und Gewalt der Menschen veranlassen Gott zur
Sintflut und zur Zerstörung des babylonischen Turms. Anstelle der Aufklärung von Zusam-
menhängen zwischen Katastrophen und hybridem menschlichem Handeln steht hier noch die
Strafe Gottes.
Aufklärung ist die Selbstbefreiung der
Mensch- en "aus selbstverschuldeter Unmündigkeit" (Kant), aus dogmatischen
Glaubenssätzen, die die Welt und soziale Ordnungen im Sinne einer herrschen- den Kultur
und der von ihr Privilegierten als unab- änderlich festzulegen versuchen (Mythos). Er-
kenntnisgewinn im Sinne der Aufklärung befindet sich stets in der Gefahr, zu dogmatischen
Glau- benssätzen zu erstarren und in Mythos um- zuschlagen, der einer neuen Aufklärung
bedarf (Adorno, Dialektik der Aufklärung). Diese Auf- klärung hat zu ent-decken, was
neuer Erkennt- nisgewinn, der zu dogmatischen Glaubenssätzen zu erstarren beginnt, an
Lebenswissen zu tabui- sieren versucht - und warum. Dies wäre die Auf- gabe des
"Jahres der Lebenswissenschaft". |
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Wo
also wurzeln Allmachtsphantasien? In Ohnmachtsägsten.
Und
Ohnmachtsängste? In Abhängigkeit von Übermächtigem.
Und
Abhängigkeit? Im Lebensbeginn.
Daß
Säuglinge und Kleinkinder von der Zuwendung und Einfühlung ihrer Eltern abhängig sind
und Ohnmacht erleben, wenn sie mit Unbehagen nicht selbst fertig werden und Abhilfe
ausbleibt, ist augenfällig - nicht, was sie erleben, wenn sie sich deswegen "die
Seele aus dem Leib schreien": als würden uns die Sterne vom Himmel fallen, die Berge
einstürzen und wir mit der ganzen Welt von einem Schwarzen Loch verschlungen, so
gehen sie mit ihrem entgleisenden symbiotischen Kosmos unter. Je länger ein- fühlende Abhilfe ausbleibt, desto intensiver
überbrücken sie dieses Erleben mit Phantasien, in denen sie der Übermacht ihrer
entgleisenden Welt selbst Herr werden - und allmächtig. Je häufiger einfühlende
Zuwendung fehlt., desto tiefer prägt das dem Gefühlsleben neben Angst vor Wiederholung
der Ohnmacht und Flucht in Allmachtsphantasien weitere Muster ein, die aber in einen psychischen
Teufelskreis führen: Gier nach entgangener Zu- wendung, Einfühlung, und
Nähe und Unfähigkeit, sich auf sie einzulassen und sie selbst zu erbringen. Das macht
notwendig, sich auf andere Weise selbst zu helfen: mit Kalkül, Berechnung und List
Überlegenheit und Macht über alles zu erringen, das Unbehagen und Ohnmacht beheben und
die Gier befriedigen könnte, was aber zugleich die Möglichkeit von Nähe und Zuwendung
zerstört und die Gier danach steigert.
Dieser
psychische Teufelskreis verursacht einen Generativen: Schon die
Unfähigkeit zu Zuwendung, Einfühlung und Nähe prägt der nächsten Generation den
psychischen Teufelskreis ein. Die Gier der Eltern nach Nähe und ihre Wünsche nach
Überlegenheit und Herrschaft werden am abhängigen Kind befriedigt: Zuwendung,
Einfühlung, Nähe wird ihm nicht entgegengebracht, sondern egozentrisch abverlangt. Schon
das stellt ihm die Symbiose auf den Kopf: in deren Kosmos bricht die
"kinderverschling- ende Hexe" übermächtiger fremder Bedürfnisse ein, der in
Allmachtsphan- tasien Herr zu werden ist.
Der
generative Teufelskreis führt in einen Soziokulturellen: Die doppelte
Unmöglichkeit, die Gier nach Nähe in Unfähigkeit zu Nähe durch Anwen- dung von
Berechnung, Kalkül, List, Herrschaft und Macht zu befriedigen, die jede
Möglichkeit von Nähe zerstören, verschiebt die Befreidigung auf alles, das
Ohnmacht vermeidet und Überlegenheits- Herrschafts- und All- machtseinbildungen erlaubt.:
Ruhm & Reichtum, Funs & Thrills gehören zu den "Top Ten" bei der
Kompensation von Mangel an Zuwendung, Ein- fühlung, Nähe. Immer mehr Zeit und Mittel
werden den Resten aktiver Zuwendung, Einfühlung, Nähe entzogen. Dadurch überschlagen
sich die Symbiose-Kopfstände: Immer intensiver bestimmen Gier und Allmachts-
phantasien die Jagd mit Kalkül, Berechnung, List und Macht nach Ruhm & Reichtum, nach
Mitteln für Fun & Thrills; immer megalomanischer wird der |
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Raubbau
an den psychischen und materiellen Lebensgrundlagen; immer einfühlungsloser wird immer
weniger realisiert, daß dies immer mehr innere Welten und die äußere Welt entgleisen
läßt.
Diese
Teufelskreise prägen offenkundig die gegenwärtige Kultur: sie vereinseitigen die
Lebensorientierung auf stets wachsenden "Wohlstand" und reduzieren Denken auf
Kalkül, Berechnung und List. Dieses Denken entwickelt riskante Mega-Technologien wie
Petro- und Chlorchemie, Atomkraft und Gentechnik, die es im Glauben an die eigene Allmacht
für beherrschbar hält. Diesem reduzierten Denken und der Unfähigkeit zu Einfühlung und
Nähe entstammen auch Objektivismus (wirklich und wahr ist nur, was sich messen läßt),
neoliberaler Ökonomismus (Freiheit vor allem für Profitmaximierung, der Markt regelt
alles) und Utilitarismus (größtmögliches Glück der größtmöglichen Zahl derer,
die ihre Bedürfnisse artikulieren können) und ihre Verfestigung zur Ideologie.
Dieses
Denken tabuisiert die Teufelskreise, die es hervorbringen. Baisis dieses Tabus ist die
kollektive Amnesie der ersten Lebensjahre, die sich mindestens teilweise dem inneren
Teufeslkreis verdankt. Diese tabuisierten Teufelskreise hindern uns voranzubringen, was
längst geschehen müßte. Sie machen uns zur Zukunft unfähig. Da die Folgen unseres
zunehmend destruktiven Fehlverhaltens immer unübersehbarer werden (neben den
Bestialitäten des letzten Jahrhunderts, der Umweltzerstörung nun die Eskalation
der Agressivität zu Gewalt und Amokläufen immer jüngerer Kids und vieles mehr) und es
deshalb immer schwerer wird, vor ihnen den Kopf in den Sand zu stecken, entwickelt sich
ein Bedarf nach Erklärungen für das erstarrte Fehlverhalten, Erklärungen, die von
Verantwortung, Schuld und der Anstrengung der Selbstveränderung entlasten:
Diesen
Entlastungsbedarf-Bedarf und die Allmachtsphantasien bedient eine neue Mega-Technologie,
die Gentechnik, die sich mit dem Namen "life science" Allwissen anmaßt: mit dem
Vulgär-Biologismus, Verhaltensweisen wie Aggressivität und psychische Störungen wie
Schizophrenie seien genetisch determiniert, entlastet sie das Kollektiv von Verantwortung
und Schuld für akutes Fehlverhalten und dessen Reproduktion. Neben Reparatur und
Vermeidung der Folgen verheißt sie sogar, das Fehlverhalten selbst beseitigen zu können:
durch die gentechnische Selbstperfektionierung der neuen Herren der Schröpfung, damit an
ihrem Wesen der Rest der Welt genese .... Statt Aufklärung also ein neuer Mythos des 21.
Jahrhunderts - voller Hybris und Allmachtsphantasien. |
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