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> Mythos Gentechnik |
letzte Überarbeitung 19.01.03 |
Griechische Mythen über
Technikmißbrauch und seine psychischen Wurzeln
Daedalus
Gentechnik und Fortpflanzungstechnik
(Reproduktionstechnik) als eine ihrer Voraussetzungen sind heftig umstritten. Bereits vor
mehr als 3000 erzählten sich die Menschen in Griechenland eine Geschichte, die nicht nur
zweckrationales, technisches Denken, seinen Mißbrauch und dessen Ursachen kritisiert,
sondern auch Reproduktionstechnik und Artgrenzenüberschreitung ins Auge faßt: die
Geschichte von Daedalus, einem Erfinder, der vor nichts zurückschreckte, um seinen Ruhm
zu wahren und zu mehren ....
Mythos |
Visualisierungsvorschlag |
Ruhmessucht im Erfindergeist
Der berühmteste aller berühmten Erfinder, Daedalus hatte einen
Neffen, Talos (oder Perdix). Der lernte bei ihm und eiferte ihm nach. Bald wurden seine
Erfindungen besser als die seines Onkels Daedalus, der nun fürchtete, daß sein Neffe ihn
überflügeln würde. |
Das "Treppchen" im antiken Stadion von Olympia, vorne auf
dem Treppchen die olympischen Ringe, auf Platz 1 Daedalus mit Lorbeerkranz: mit der
Rechten streckt er triumphierend die Doppelhelix in die Höhe, mit der linken stützt er
sich auf die Schulter seines Neffen, der auf Platz 2 steht, das biohazard-Zeichen (oder
ein Zeichen für Ökologie?) in der herabhängenden Linken. Denkblase über Daedalus,
darin sein Neffe auf Platz 1, mit der Rechten ein Fragezeichen in die Höhe streckend,
Daedalus auf Platz 2. |
Böses im Erfindergeist
Das konnte Daedalus nicht ertragen. Er lockte seinen Neffen auf das
Dach der Akropolis und stürzte ihn in den Tod. |
Beide auf dem Dach der Akropolis, anstelle der Säulen die
Doppelhelix. Daedalus reicht seinem Neffen den Lorbeerkranz mit der Linken und schubst ihn
mit der Rechten über sein ausgestrecktes Bein..... |
Verbannung
Zur Strafe wird Daedalus nach Kreta, ins Reich des König Minos
verbannt. |
Im Hintergrund:
links: auf einer Anhöhe unter einem Baum eine barbusige minoische Priesterin (in jeder
Hand zwei Schlangen), neben ihr, friedlich, ein weißer Stier.
Mitte: Küste
rechts: Meer
In der Bildmitte ein Zaun von Bildrand zu Bildrand, nach hinten
gewölbt, so daß erkennbar wird, daß er Daidalos umschließt. Oben auf dem Zaun
Nato-Draht, der eine Doppelhelix bildet. Daidalos hockt unter einem Baum. Berge von teils
zerbrochenen Tontafeln um sich, versunken zeichnend. Um den Stamm des Baumes schlängelt
sich eine Doppelhelix-Schlange und flüstert Daidalos etwas ins Ohr. |
Die hohle hölzerne Kuh
Dort bittet ihn die Königin um Hilfe: sie hat sich in einen weißen
Stier verliebt und möchte ihre Liebe leben. Daedalus erfindet und baut ihr eine hohle
hölzerne Kuh, in die die Königin hineinsteigen kann. |
Hintergrund wie vor, Priesterin und Stier evtl. mit gemeinsame
Sprechblase: "Sex statt heiliger Hochzeit..? Der muß was falsch verstanden
haben!"
Im Vordergrund die hölzerne Kuh, der Daedalus noch ein Brett auf die
Stirne nagelt, hinten kriecht bereits die Königin hinein .....
Hinter der Königin der inzwischen gerupfter Baum, unter dem Daedalus
gesessen hatte, von dem die Doppelhelix-Schlange feixend zuschaut (Sprechblase: endlich
hat ers kapiert ...) |
Das Labyrinth
Daedauls Erfindung bleibt nicht folgenlos: 9 Monate später bringt die
Königen eine Wesen zur Welt, das zwar einen menschlichen Leib aber den Kopf eines Stieres
hat. Aber das bringt Daedalus einen neuen Auftrag ein: Um die Schande seiner Frau zu
verbergen, beauftragt der König Daedalus ein Labyrinth als Gefängnis für das Ungeheuer
zu bauen. Weder das Ungeheuer noch sonst jemand sollte je aus dem labyrinth herausfinden
können. Aber das Ungeheur verlangte Opfer: alle 9 Jahre mußte Athen Mädchen und
Jünglinge als Fraß für das Ungeheuer schicken. |
Gleiche Hintergrund-Landschaft wie zuvor, Priesterin und Stier sind
weg, der Baum teilweise entlaubt. Auch gleiche Umzäunung. Der Baum in der Umzäungung
bereits kahl.
Darin mauert Daedalus um das Ungehuer, von dem man nur noch den
menschlichen Oberkörper und den Stierkopf sieht, das Labyrinth. Aus dem Maul des
Stierkopfes baumeln menschliche Beine.
Die Hörner des Ungeheuers als Doppelhelix.
Denkblase über Daedalus: "Hätte nicht gedacht, daß die hohle
Kuh sich so rentiert ..." |
Der Ariadnefaden
Das brachte Deadalus, der nun auch im Reich des Minos erfolgreich
wurde, einen neuen Auftrag ein: irgendwann verliebte sich die Tochter des Minos, Ariadne,
in eines der Opfer aus Athen. Es war Theseus, der Sohn des Königs von Athen, der
freiwillig unter die Opfer gemischt hatte, um das Ungeheuer zu töten. Ariadne
beauftragete Deadalus etwas zu erfinden, womit Theseus den Rückweg aus dem Labyrinth
finden würde. Daedalus erfand den Ariadnefaden: ein Knäuel roter Wolle, das beim
Vordringen ins Innerste des Labyrinths abzuwickeln war, so daß die Wolle nur aufgewickelt
werden mußte, um den Rückweg zu finden. |
Gleiche Hintergrund-Landschaft wie zuvor, Priesterin und Stier sind
weg, der Baum ganz entlaubt. Auch gleiche Umzäunung. Vom Baum in der Umzäunung ist nur
noch der Stamm mit einem Ast vorhanden.
Deadalus übergibt Theseus das Knäul, dessen Anfang an den Baumstumpf
gebunden ist. Ariadne händeringend daneben.
Denkblase über Daedalus "Liebe ist ein lukrativer Markt
...."
|
Das Boot
Theseus tötet das Ungeheuer, findet den Rückweg und nimmt Ariadne,
wie er ihr versprochen hatte, mit auf die Rückfahrt nach Athen - möglicherweise, mit dem
ersten Segelboot, ebenfalls einer Erfindung des Daedalus. Das erzürnt Minos, ihren Vater.
|
Gleiche Hintergrund-Landschaft wie zuvor, der Baum hat nur noch die
Haupt-Äste. Gleiche Umzäunung. Vom Baum in der Umzäunung ist nur noch der Stumpf
vorhanden.
Vor dem Eingang des Labyrinths ein Knäul, dessen Ende am Stumpf
befestigt ist. Der Faden zwischen Knäul und Stumpf ist "aufgezwirbelt" und nun
eine Doppelhelix, Diesen Teil hat Daidalus hochgehoben und hält es in der Hand während
er einem Segelboot auf dem auf dem Meer nachblickt.
Denkblase: "Was bräuchte er, um diesem Ungeheuer zu entkommen
...." |
Die wächsernen Fittiche
Zur Strafe sperrt Minos nun Daidalos und seinen Sohn Ikarus ins
Labyrinth. Aber auch das beflügelt nur Daidalos Erfindergeist: er erfindet Flügel für
sich und seinen Sohn und fertigt sie aus Wachs um aus dem Labyrinth in den Himmel
aufsteigen zu können. Ikarus schäft er ein, sich immer unter dem Vater zu halten. Aber
Ikarus will höher hinaus als sein Vater, kommt der Sonne zu nahe, die wächsernen
väterlichen Fittiche schmilzen dahin und er stürzt ab ..... |
Andere Landschaft: tief unten Küste, klein das Labyrinth innerhalb
der Umzäunung; vom Hügel ist nur der Schatten nach links zu sehen, davor der Torso des
Baums als Punkt, aus dem zwei Striche ragen, sein Schatten an der Spitze des Schattens vom
Hügel, ganz klein.
Die Sonne über dem Meer. Stark unterhalb der Sonne Daedalus mit
Flügeln, unter ihm im Schraub-Sturzflug Ikarus, jedoch ein Spur von fallenden Tropfen
flüssigen Wachses ab Nähe der Sonne hinterlassend (durch diesen Tropfen erscheint
dieSchraub-Sturzspur als Doppelhelix ?). In seiner Sturzrichtung der Aufgerissene Rachen
eines Meeresungeheuers, in dem gerade ein Paar Menschenbeine verschwinden.
Denkblase über Daedalus: "Was will er mich auch überflügeln
....!" |
Eigenverrat (aus Ruhmessucht)
Daedalus landet wohlbehalten auf Sizilien und findet dort bei König
Kokalos Zuflucht. Aber Minos, der auf den erfolgreichen Erfinder nicht verzichten will,
sucht ihn mit einem Trick: jedem König stellt er die Aufgabe einen Faden durch eine
Spiralförmige Meermuschel zu ziehen, wissend, daß nur Daedalus die Aufgabe lösen könne
und damit seinen Aufenthaltsort verrate. Daedalus tat nichts lieber, als König Kokalos
seinen genialen Erfindergeist zu beweisen: er band einen Faden um eine Ameise und ließ
sie durch die Muschel krabbeln. Damit verriet er Minos seinen Aufenthaltsort. |
Kein Hintergrund mehr.
Man sieht den Kopf von Daedalus von hinten und die erhobene Linke, in
der jene sprialförmige Meermuschel so liegt, daß ihre Öffnung aussieht wie der
geöffnete Schoß einer Frau. Darin die Ameise, in deren Taille ein Faden befestigt ist.
Der Faden zwirbelt sich zur Doppelhelix auf und führt in die Rechte von Daedalus ....
Denkblase: "Vielleicht bietet der mehr ....." |
Krieg um den berühmten Erfinder
Um Daedelaus und seine Erfindungsgabe führten die Könige
nun Krieg ...... |
Im Hintergrund eine brenende, rauchende grobe Festung, davor verstreut
gefallene Krieger (antik). Im Vordergrund zwei Könige, die Daedalus an seinem Gewand in
entgegengesetzte Richtungen zerren wollen
Daedalus reibt sich die Hände.
Denkblase: "Der Streit um meinen Standort steigert meinen Wert.
Und bald brauchen sie neue Erfindungen für Kriege und den Wiederaufbau ....." |
Die Verbreitung der Kultur des Fort-Schritts
.... auf diese Weise verbreiteten sich die Erfindungen des Daedalus
und Krieg in ganz Europa! |
Denkblase: "Fort-Schritt - zu meinem Ruhm!" |
Bisherige Mythos-Rezeption beruhigt sich allgemein beim "Ewig
Menschlichen":
Stets habe der Mensch ins Ungewisse handeln müssen, weil er nicht in
der Lage sei, die Komplexität der Natur als Bedingungen seines Handelns vollständig zu
erfassen; deswegen könne er nicht vollkommen handeln und müsse so stets unerwünschte
Nebenwirkungen seines Handelns hinnehmen. So werden in der Regel auch die Geschichten der
Genesis (Vertreibung aus dem Paradies, Sintflut, Turmbau zu Babel) verstanden.
Aber die Ausmaße, in denen Technik nach dieser Maxime Natur und
Ökologie bereits beschädigt hat, und die Tiefe, mit der Gentechnik nahezu blind in Natur
und Ökologie eingreift, geben heute Anlaß, neu über diese Maxime und den Mythos von
Daedalus nachzudenken:
Offenbar haben die Menschen, die noch der Vorgeschichte angehörten
(keine Schrift) schon vor über 3000 Jahren erkannt, daß das "rationale"
Denken, das am Ende der Vorgeschichte einsetzt und zu technischen Erfindungen führt, so
rational, wie es sich gibt, nicht ist, und nicht in erster Linie antritt, um das Leben der
Menschen zu verbessern. Schon sie hatten erkannt, daß das angeblich "rationale
Denken", die vermeintliche "Vernunft" sich nur allzu bereitwillig seinem
vermeintlichen Gegenspieler, dem Gefühlsleben, versklavt, und die Erfinder bewegt,
anstelle eines Fortschrittes für die Menschen, den Zuwachs an Befriedigung für sich
selbst zu setzen - sei es durch die Steigerung ihres Ruhmes, sei es durch die Anhäufung
von Mitteln, jederzeit andere zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse bewegen zu können
(Gold, Geld, Gewalt).
Hephaistos
Schon vor über 3000 Jahren hatten die Menschen, wenn sie
sich die Geschichte von Daedalus erzählten, eine Geschichte von einem anderen begnadeten
Erfinder, dem Gott Hephaistos, "im Hinterkopf", die erzählt, auf welchen Wegen
es zu dieser Versklavung der "Rationalität" durch Gefühle kommt:
Mythos |
Visualisierung |
Hephaistos wurde parthenogenetisch (jungfräulich) von Hera geboren,
weil sie - wie immer - mit ihrem Mann, Zeus, dem obersten Gott der Griechen, stritt. |
Zeus nach links gewendet, mit abwertend/abwehrender Bewegung seiner
Rechten zu Hera hinter ihm.
Hera am linken Bildrand, breitbeinig gebärend in Richtung zu rechten
Bildrand, den Oberkörper und Gesicht jedoch zu Zeus hinter ihr wendend und ihm mit
erhobener Faust drohend. (Eine Szene, die, bis auf die Geburt, viele aus ihrem Alltag
kennen)
Sprechblase über Hera: "Der Größte ... aber lebensuntüchtig
..." |
Hephaistos war aber lahm. Deshalb warf sie ihn voller Widerwillen aus
dem Himmel. |
Hephaistos, mit erkennbar schräg stehendem Fuß, rückwärts mit dem
Kopf nach unten aus den Wolken fallend und nach oben mit geballter Faust (wie zuvor Hera)
drohend. Hera blickt mit angewidertem Gesicht auf ihn herab.
Denkblase über Hephaisthos: "Das zahle ich Dir heim ....." |
Hephaistos wurde von anderen aufgezogen und wurde ein göttlicher
Künstler und Schmied von unbegrenzter Erfindungsgabe. Aus Zorn über seine Mutter
fertigte er ihr, prächtige, aber heimtückische Geschenke: einen goldenen Thron, von dem
sie nicht wieder aufstehen konnte, wenn sie erst auf ihm platzgenommen hatte, und goldene
Sandalen, die sie augenblicklich auf den Kopf stellten, wenn sie sie anzog. |
Hera auf dem Thron: mit dem Rücken wie auf die Sitzfläche geklebt,
mit den Beinen an der Lehne nach oben strampelnd, den Kopf nach hinten gebeugt, von der
Sitzfläche herab und wild mit ihren Armen fuchtelnd ....
Denkblase: "Diese Erfindungen stellen Seelen und Gefühle auf den
Kopf ....." |
Seine bemerkenswerteste Schöpfung war Pandora, die erste Frau, die
die Menschen gekannt haben sollen. Doch die Götter versahen sie mit allen schlechten
Eigenschaften und ihr Schöpfer, Hephaistos, hatte sie entweder mit einem Krug aus
gestattet oder sie erhielt später ein Büchse aus seiner Werkstatt als Geschenk, aus der
sie alle Übel in die Welt freisetzte. |
Pandora, wie eine Minoische Priesterin auf einem Hügel unter einem
Baum, den Krug hält sie in ihren verschränkten Händen so in der Höhe ihres Schoßes,
das die Öffnung gut sichtbar ist.
Vor dem Hügel Männer, die die Flucht ergreifen ....
Denkblase aus allen Männerköpfen: "Wer soll dem Übel Herr
werden ....?" |
An der Produktion eines vermeintlich gelungeneren Exemplars war er
ebenfalls beteiligt: seinem verhinderten Vater Zeus, der in seinem Kopf eine Musterfrau
ausgebrütet hatte, Spaltete er mit einer Axt den Schädel, damit die Kopfgeburt das Licht
der Welt erblicken konnte. Dem gespaltenen Schädel entsprang Athene mit Brustpanzer und
auch im Übrigen in voller Rüstung - die Göttin nicht nur des Krieges, sondern auch der
praktischen Vernunft, der List und Verschlagenheit, der Berechnung und des technischen
Geschicks.. |
Original-Grafik mit Sprechblase über Athene: "Meine Söhne
werden Frauen zu beherrschen wissen ...." |
Die Mythen von Daedalus und Hephaistos fließen auf mehreren Wegen
ineinander:
Hephaistos fertigte auch Talos, einen riesigen ehernen Roboter, den
Zeus Europa, der Mutter des Minos, schenkte, damit er Kreta bewache. Zeus hatte sie von
Tyrins oder Sidon in Phönizien dorthin entführt und vergewaltigt. Minos war also sein
Sohn. Nach anderen Überlieferungen erhielt Minos Talos als Geschenk direkt von
Hephaistos. Talos hieß aber auch der Neffe des Daedalus, wegen dessen Tötung Daedalus
ins reich des Minos verbannt wurde.
Über die Verbindung zu Minos, zum Namen Talos, ihren Erfindergeist,
und die Tatsache, daß die Erfindungen den Menschen wenig nutzen und den Frauen eher
schaden, beginnen Hephaistos und Daedalus sich zu überlagern, so daß die beiden Mythen
zueinander in Verbindung treten. Der Mythos von Hephaistos zeigt, daß Gefühle aus seinem
früh gestörten Mutter-Kind-Verhältnis seinen Erfindergeist, seine
"Rationalität" versklaven und gegen die Menschen, vor allem gegen die Frauen
wenden.
Auch darüber haben wir nachzudenken, wenn Gen- und
Reproduktionstechniken heute antreten, um Fruchtbarkeit und Mutterschaft zu beeinflussen,
zu verändern und sogar Mütter zu ersetzen, wenn sie Menschen klonen und durch Männer
austragen lassen, und Pflanzen unfruchtbar machen wollen.
Erkenntnis - Beitrag zum Kult der Gewalt oder
zur Kultur des Friedens?
Schon Erkenntnisfortschritt kann auf Teilhabe am Kult der Gewalt
beruhen (Experimente an Einwilligungsunfähigen; Tierversuche; problematische Settings,
die beispielsweise Kinder oder Säuglinge psychisch belasten können).
Auch wenn Erkenntnisfortschritt nicht selbst auf Teilhabe am Kult der
Gewalt beruht, hängt nicht nur von seinem Inhalt ab, ob seine Anwendung zum Kult der
Gewalt beiträgt oder zu einer Kultur des Friedens, sondern auch davon, welche Ausmaße
von Gewaltneigung oder Friedensfähigkeit in einer Kultur etabliert sind.
Ob Erkenntnisfortschritt als Beitrag zum Kult der Gewalt oder zur
Kultur des Friedens erscheint, hängt auch von seinem Tempo ab: überfordert
Erkenntnisfortschritt die Fähigkeit eines Kollektivs zu Orientierungveränderungen, wird
er eher als Beitrag zum Kult der Gewalt empfunden. Gleiches gilt für das Tempo, in dem
seine Anwendung herbeigeführt wird.
Schließlicht hängt es auch von der Form ab, in der seine Anwendung
herbeigeführt wird, ob ein Kollektiv das als Teilhabe am Kult der Gewalt oder Beitrag zur
Kultur des Friedens sieht.
Erkenntnisfortschritt wird weit überwiegend nicht zur Kultur des
Friedens beitragen, wenn er nicht zur Erleichterung des Arbeitens und Lebens aller
Menschen angestrebt und angewendet wird, sondern zur Steigerung des eigenen Größen- oder
Allmachtswahnes (Gottesebenbildlichkeit), des eigenen Ruhmes oder eigenen Vermögens. Dann
entartet Erkenntnisstreben in eine Jagd nach auschließlich an Eigeninteressen
orientierter Erkenntnis, profitablen Anwendungsmöglichkeiten und deren Akzeptanz, die
Menschen in einer Treibjagd um Marktanteile als "Ziel"-Gruppen und Freiwild für
Eigeninteressen ins Visier nimmt. Das hat vonvornherein am Kult der Gewalt teil und keine
Chance zu einer Kultur des Friedens beizutragen.
Erst unter der Voraussetzung, daß Grundlagenforschung sich jeglicher
Konspiration mit Größenphantasien und Profitinteressen enthält, und
Erkenntnisfortschritte, die zu Kulturveränderungen und/oder Risiken führen können,
nicht gleich den Mächten am Markt, sondern gleichermaßen qualifizierten und
plebiszitären Diskursen übergibt, die entscheiden, ob und wie den Mächte am Markt die
Verwertung der Erkenntnisse erlaubt wird - erst unter dieser Voraussetzung, kann
Erkenntnismißbrauch und "Belieferung" des Kultes der Gewalt verhindert werden.
Vorausgesetzt, die Kultur des Kollektivs ist nicht selbst ein Kult der Gewalt.
Schon Autofahrer, die rasen, haben mit Sanktionen zu rechnen, noch
bevor Menschen verletzt wurden. Ebesno sollten Wissenschaftler, die "rasen",
d.h. die ihren Erkenntnisfortschritt ohne demokratische Lizenz dem Markt übergeben, mit
Sanktionen rechnen müssen, noch bevor ihre Erkenntnis Menschen als Freiwild der Treibjagd
um Marktanteile aussetzt. Das gefährdet nicht die Freiheit der Wissenschaft, sondern
beschränkt nur die Profitgier. Angesichts der Verlagerung von Forschung in transnationale
Konzerne ist der Zug jedoch schon in die falsche Richtung abgefahren.
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