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Die Folgen der Privatisierung von Wissenschaft

Weltweit wird nur noch 15% der Genforschung  in öffentlich finanzierten Einrichtungen betrieben. Der Anteil von Drittmitteln ist erheblich. Sie bestimmen auch in öffentlichen Forschungseinrichtungen Richtung und Ziele der Forschung  sowie weitgehend auch die Rechte an den Erkenntnissen. Deshalb sind also über 85% der Forschung und Erkenntnisse  im Bereich der Genforschung  privatisiert

Diese Privatisierung entzieht Wissenschaft und ihre Erkenntnisse Allgemeininteressen und unterwirft sie privaten Profitinteressen. Das ist mit der verfassungsrechtlich garantierten "Freiheit der Wissenschaft" nicht vereinbar. Denn privatisierte Wissenschaft erforscht nicht mehr, was den Menschen auf zukunftsfähige, volks- oder globalwirtschaftlich langfristig ökonomische Weise das Leben erleichtert oder verbessert, sondern wofür sich eine profitable Nachfrage wecken läßt.

Bei den Anwendungen der Erkenntnisse von Genforschung (Gentechnik) wird augenfällig, daß ihre Vermarktung aus privaten Profitinteressen  soziale Beziehungsgefüge, Wertorientierung und am Ende die kultur einer Gesellschaft tiefgreifend verändert - und zwar ohne jegliche demokratische Legitimation auch gegen den Mehrheitswillen.

Private Profitinteressen verändern ohne demokratische Legitimation Kultur.

Dimensionen von Allmachtsphantasieen: Gentechnik selbst, Zusatznutzen bei der Akzeptanzbeschaffung.

Aufklärung von Allmachtsphantasien durch einen Dialog aller Lebenswissenschaften

Es ist sehr zu begrüßen, das die Bundesministerin für Bildung und Forschung  mit ihrem  "Jahr der Lebenswissenschaften 2001" die "Aufklärung von technologischen Allmachtsphantasien" anstrebt und dazu Psychologie, Sozial- und Kulturwissenschaften als "Lebenswissenschaften" in einen Dialog mit der Molekularbiologie und Genetik bringen will, die sich globale Pharma/GentTech-Konzerne mehr und mehr als Privateigentum einverleiben und deshalb die Alleinvertretung von "life science" beanspruchen.

Schon wegen dieser Privatisierung von Wissenschaft (85% aller Molekularbiologen in Diensten von Firmen!), die immer mehr die verfassungsrechtlich garantierte "Freiheit der Wissenschaft" aufhebt, aber auch angesichts der apokalyptischen Vernichtungspotentiale  und der ungelösten Probleme, die allzu profitorientierte Anwendungen von Erkenntnissen der Chemie und  Atomtphysik aufgetürmt haben und die Gentechnik anzuhäufen droht, wäre das ein lange, lange überfälliger Schritt.

Doch ist Wachsamkeit angesagt: 

auf den Web-Seiten zum "Jahr der Lebenswissenschaft" und in den Programmen der bisher geplanten Veranstaltungen fehlt der Anspruch, technologische  Allmachtsphantasien aufzuklären, bisher völlig. Selbst bei der Veranstaltung "Leben zwischen Mythos und Wissen" ist nach dem Programm dieser Anspruch nicht zu finden, sondern zu befürchten, daß keineswegs nach Allmachtsphantasien und Mythos in Genetik und Gentechnik gesucht werden soll, sondern Mythos nur als finstere Kulisse benutzt wird, in der Molekularbiologie und Gentechnik als Aufklärungsleistung um so heller erstrahlen soll.

Nach den Programmen ist auch nicht ersichtlich, daß Psychologie, Sozial- und Kulturwissenschaften als Lebenswissenschaften in einen Dialog mit der Molekularbiologie und Gentechnik geführt werden sollen: Naturwissenschaftliche Themen und Naturwissenschaftler dominieren völlig. Geisteswissenschaftler müssen bisher wie die Nadel im Heuhaufen mit der Lupe gesucht werden. Das Programm der Veranstaltung "Kind und Kindheit als biologisches und soziales Konstrukt" erwähnt Psychologie mit keinem Wort. Der Titel läßt befürchten, daß soziologischer Empirismus benutzt wird um - wie gegenwärtig sehr modern - biologistische und genetisch deterministische Erklärungen gegenwärtig faktischer Verhaltensweisen zu stützen (z.B. die Suche nach einem Aggressionsgen durch empirisch ermittelte Gewaltbereitschaft). 

Die Begriffe "Lebenswissenschaft" und "life science" werden völlig synonym benutzt, also ohne den Anspruch, daß "Lebenswissenschaft" Psychologie, Sozial und Kulturwissenschaften umfaßt. Das läßt befürchten, daß   "Lebenswissenschaft"  doch nur eingedeutscht den "life science"-Alleinvertretungsanspruch der GenTech-Konzerne nachplappert.  So kann noch nicht ausgeschlossen werden, daß das BMBF sich mit dem Titel der Auftaktveranstaltung, "Der entschlüsselte Mensch: Beginnt ein neues Zeitalter?", doch bloß zum Fürsprecher der "life science"- alias GenTech-Konzerne instrumentalisieren ließ und als deren Apostel den Gründungs-Mythos der "neuen Herren der Sch®öpfung" verkündet. Dann wäre der Aufklärungssanspruch ein bloßes Lippenbekenntnis und eine Beruhigungspille für Kritiker.

Da die Bundesregierung den Anspruch erhebt, sich an das gesprochene Wort zu halten (Es gilt das gesprochene Wort), wird sie am Ende dieses Jahres daran zu messen sein, was sie tatsächlich getan hat, technologische Allmachtsphantasien aufzuklären und ob sie zugelassen hat, daß das "Jahr der Lebenswissenschaft" den Gründungsmythos des neuen (GenTech-)Zeitalters etabliert.

Wichtige Veranstaltungen für diese Überprüfung:

12.-17.9.01 Berlin: Wissenschaftssommer Berlin 2001 - Leben zwischen Mythos und Wissen

20.-22.9.01 Mainz: Child Anthropology - Kind und Kindheit als biologisches und soziales Konstrukt

 

Was ist Mythos?

Mythos ist ein Geflecht von Geschichten, die den Menschen die Zusammenhänge der Welt, in die sie seit ihrer Geburt hineinwachsen, meist als von Göttern gestiftete Ordnung erklären. Mythos reduziert dabei die Komplexität der Weltzusammenhänge auf ein faßbares Maß (Niklas Luhmann). Wahrscheinlich sind sowohl die jahrhundertelange mündliche Überlieferung der Geschichten als auch das heute noch andauernde Interesse an ihnen dadurch zu erklären, daß sie von schmerzhaften Konflikten entlasten, die eine Kultur während der Enkulturation neuen Lebens (psychische Differenzierung, Spracherwerb, Anpassung an die bestehenden Normen, Orientierungen und Werte) mehrheitlich erzeugt.

In diesem Sinne sollen im Folgenden nicht nur 

> Allmachtsphantasien, sondern auch

> die Kennzeichen des Mythos,

> die Belastungen und Konflikte und

> die Entlastungswege

in Gentechnik und ihren biologistischen und genetisch deterministischen Implikationen herausgearbeitet werden.

Überlegenheits- und Allmachtsphantasien in Religion, Mythos und Gentechnik

Allmachtsphantasien kritisiert schon die Genesis. Da wären also auch die Kirchen herausgefordert, im "Jahr der Lebenswissenschaft" ihre Stimme deutlich aufklärend zu erheben! Denn zu den teuflischen Einflüsterungen der Schlange am Baum der Erkenntnis gehört die Verheißung, zu werden wie Gott. Hybris und Gewalt sind es, die Katastrophen wie die Sintflut oder den Einsturz des Turmbaus zu Babel herbeiführen. Anstelle der Aufklärung von Zusammenhängen zwischen den Katastrophen und hybridem menschlichem Handeln stehen jedoch die Strafen Gottes. Das erlaubt, daß Überlegenheit-, Allmachts- und Herrschaftsbedürfnisse bis zur Grenze des unerforschlichen Willen Gottes den Segen Gottes bekommen: zur Unterwerfung der Erde. Wie es kommt, daß die nebulöse Grenze des unerforschlichen Willen Gottes zuweilen überschritten wird, das zeigt die Geschichte von Kain und Abel, in der der unerforschliche Wille Gottes Zuwendung entzieht und dadurch Aggression, Hybris und Gewalt produziert.

Etwa zu der Zeit, als die biblischen Geschichten aufgezeichnet wurden, vor ca. 3300 Jahren, kritisierten auch griechische Mythen   Überlegenheits-/Allmachtsbedürfnisse   und zeigten ihre destruktiven Folgen auf, wenn sie Vernunft versklaven und technischen Erfindungsgeist zur Ruhmessteigerung mißbrauchen  (Daedalus). Auch sie wußten, daß    Überlegenheits- und Allmachtsgier durch Zuwendungsentzug hervorgerufen wird    (Hephaistos).

Mit den Mitteln des Mythos  - Symbolen statt Logik, Geschichten statt Sachdiskursen und  Trägern öffentlichen Vertrauens als Propheten - versucht aber das Komplott der globalen GenTech-Konzerne heute einen neuen Mythos als neue Religion zu etablieren, indem sie mit ihren Verheißungen religöse Bedürfnisse und  Bedürfnisse nach Größe, Überlegenheit und Allmacht bedienen.

Wo die Religion, die in weiten Teilen der Welt noch gilt, der christliche Glaube, und der Mythos der alten Griechen noch um Begrenzung der teilweise legitimierten Überlegenheits- und Allmachtsbeürfnisse bemüht ist, treten die Propheten der Gentech-Konzerne zu deren Entgrenzung an.

Biologischer und genetischer Determinismus - der neue "Mythos des  20. und 21. Jahrhunderts"?

Die Tatsache biblischer und mythischer Kritik an Allmachtsbedürfnissen und -phantasien ver-führt, sich  bei dem Gedanken zu beruhigen, Überlegenheits- und Allmachtsbedürfnisse seien "ewig menschlich": es habe sie schon vor 3300 Jahren gegeben und werde sie deshalb auch ewig geben. Modernen biologistischen Hypothesen vom Schlage genetischer Determinierung solcher Eigenschaften wie Aggressivität und Schizophrenie  - warum also nicht auch von Allmachtsbedürfnissen? -  wird das in den Kram passen. Aber die biblischen wie die griechischen Geschichten beantworten die Frage nach den Ursachen von Aggression, Überlegenheits- und Allmachtsbedürfnissen etwas anders: dort werden sie mit Zuwendungsentzug durch Autoritäten, Eltern, Mütter begründet.

"Eben: Mythos!", werden die Biologisten und genetischen Deterministen nun triumphieren - und psychologische Relativierungen ihres deterministischen Blicks gleich dem Reich der Märchen zuweisen.

Ein Blick auf das vergangene Jahrhundert und gegenwärtig akute Entwicklungen zeigt jedoch die fatalistischen Abgründe jeglicher Biologismen und genetischen Determinismen:

Tatsache ist, daß technologische Allmachts- und Überlegenheitsphantsien Vernichtungspotentiale und Probleme in unfaßbar irrationalem Ausmaß aufgetürmt haben: wieso, ist bohrend zu fragen, haben die kalten Krieger mit der Atomwaffenproduktion nicht aufgehört, als beide Lager die Möglichkeit hatten, die ganze Welt einmal zum Teufel zu jagen? Warum türmten sie weiter mit durchaus manifesten apokalyptischen Gedanken an ein tausendjähriges Reich (Ronald Reagan wähnte sich schon in Harmagedon) babylonische Waffentürme auf, bis sie die Welt elf mal zum Teufel jagen konnten. Null Sinn! Außer: ich bin größer, stärker, mächtiger als Du, Dir überlegen, übermächtig! Nichts als krankhafte Megalomanie! Kaum besser als der Rassenwahn  vom arischen Herrenmenschen eines anderen Tausendjährigen Reiches wenige Jahrzehnte zuvor und heute die Sloterdijksche Vision der Eliten, die sich für das 3. Jahrtausend gentechnisch perfektionieren, damit an ihrem Wesen schon wieder die Welt genese ....

Doch zurück aus den Megalomanien der  Visionen tausenjähriger Reiche in unseren Alltag: was läßt uns mit Leib und Leben spielen um die oberste Stufe des "Treppchens", die "pole position",  die Spitze zahlloser Hierarchien in Firmen, Verbänden, Vereinen zu erreichen, die "Nummer 1" der Branche zu werden, was im Urlaub hochstapeln, immer schnellere Autos produzieren und kaufen, auf der Autobahn drängeln, die Zahl der Zitate zählen, immer noch Gewinne maximieren, wenn mit dem angehäuften Vermögen schon die nächsten 5 Generationen in Saus und Braus leben können usw. usw.? Sind die inneren Motive von all dem so verschieden von denen des Schlags, der Obdachlose, Behinderte, Ausländer trifft? Und was ist es, das immer jüngere Kids treibt, in Amokläufen Terminatoren zu mimen? Was bringt die Supermänner, die Terminatoren, die Kettensäger erst in die Köpfe ihrer "Schöpfer", dann in die Medien, schließlich in die Spiele der Kinder bis sie dann wirklich amoklaufen? Was bringt Aggression und Überlegenheitsbedürfnisse in die Sexualität, daß nach diversen Formen der Abwertung und Beherrschung der Frauen, Kindesmißbrauch, SM und andere Formen der Ohnmachtsvermeidung in Gier nach Nähe (alle Formen von Sexualität als Ware) sich ausbreiten?

Diese Versammlung von Visionen, Alltagsmustern und Gewalteskalationen macht eindringlich klar, wie überfällig, überlebenswichtig und not-wendig es ist, die Ursachen von Überlegenheits- und Allmachtsphantasien  aufzuklären - nicht bloß in Technologien. Diese Phantasien haben die Entwicklung unserer Kultur offenbar nicht erst seit gestern so fest im Griff, daß sie sich immer schneller selbst verstärken und zu einem selbstzerstörerischen Teufelskreis beschleunigen. Deshalb ist Aufklärung der Überlegenheits- und Allmachtspahantasien not-wendig und überlebenswichtig.

Dem ist entgegengesetzt, was die Propheten der Gentechnik verkündigen und verheißen. Sie entgrenzen Überlegenheits- und Allmachtsphantsien, mit ihren Verkündigungen und Verheißungen wie mit der Gentechnik selbst und ihren Anwendungen. Wo zu bremsen und aufzuklären wäre, werfen die "life science"- Apostel   mythische Nebelkerzen und treten erst recht aufs Gas.

Aber Augen zu und aufs Gas treten ist durchaus der sogenannte Zeitgeist: Schneller, höher, weiter, effizienter, profitabler ..... Wenn wir es nicht machen, machen es die anderen. Dann sind die anderen auf der obersten Stufe des Treppchens, an der Spitze der "Top Ten", die "Nr.1". Nicht sein kann, was nicht sein darf: also machen wir es - schneller, höher, weiter, effizienter, profitabler als die anderen.  Gier nach Überlegenheit und Allmacht. Niemand will wahrhaben: Mehr desselben ist schnell selbst das Problem und nicht die Lösung. Wir sind schneller als sie. Im Sarg?

Biologismus und genetischer Determinismus sind zwar wahrnehmbar sehr in Mode. Dennoch kenen sie keinen Zeit-Geist. Für sie ist das alles genetische Finalität: der Mensch als Lemming. Biologistischer und genetischer Determinismus - ein Abgrund an Fatalismus, der klammheimlich und stumm den Weltuntergang beschwört - gerade das aber seinen Kritikern vorwirft.

Davor verbeugen sich gehorsam vorauseilend Philosophen wie Dworkin und Sloterdijk, die den Humanismus angesichts der Bestialisierungen des letzten jahrhunderts als gescheitert verabschieden: Nur wenn sich Eliten gentechnisch selbst perfektionieren, wird an deren Wesen der Rest der   Welt genesen ..... wird der Rest der Welt Erlösung aus dem gegenwärtigen Teufelskreis der Bestialisierung und Verschonung vom Weltuntergang finden .... an der Schwelle des 3. Jahrtausend wird wieder einmal in einem "neuen Zeitalter" nur den Gläubigen die Gnade der neuen Herren der Sch®öpfung anstelle des Weltuntergangs und der Hölle zuteil.

Spätestens hier wird die Funktion kollektiver, systemstabilisierneder Entlastung durch den "Mythos Gentechnik" deutlich:

obwohl "wir", die Industriekultur, schon seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten, am eigenen Leibe erfahren, daß uns schadet was "wir" tun, besonders wenn "wir" auf tausendjährige "neue Zeitalter" hereinfallen, verändern "wir unser" Handeln nicht. Das belastet uns. Biologistischer und genetischer Determinismus halten eine Botschaft bereit, die von Verantwortung und Schuld entlastet: "wir" können uns gar nicht verändern, "wir" haben "es" in den Genen. "Wir" tragen also gar keine Verantwortung und haben keine Schuld, weil "wir" nicht anders können (1). Aber, so verheißen uns nun die Apostel der Gentechnik: die Gene können geändert werden!  Und dann werden "wir" die Erlösung aus dem Teufelskreis kollektiver Bestialisierung finden. Kann die entlastende und deshalb systemstabilisierende Funktion eines Mythos klarer hervortreten?

Biologischer und genetischer Determinismus zeigen sich also selbst als Mythos, der die Menschen in einer Zeit der Bestialisierung von der Belastung entlastet,   falsche Bedürfnisses  - Überlegenheits- und Allmachtsgier - und Verantwortung für die Bestialisierung einzugestehen, ihre Gefühle wie ihr Denken zu ändern. Sie stabilisieren damit  ein überlegenheits- und allmachtsgieriges System, das seine Verantwortung für die  Folgen seines Überlegenheits- und Allmachttaumels nicht wahrhaben will. Ein systemstabilisierender Mythos zugunsten derer, die mit Genklempnerei, die aus der Bestaialisierung erlösen soll, ihren Überlegenheits- und Allmachtsrausch vergolden wollen, damit aber nur den gierigen Überlegenheits- und Allmachtstaumel (ums goldene Kalb) auf die Spitze treiben und die Bestialisierung absehbar verstärken.

Dieser Mythos ist ebenso aufzuklären wie die biblischen Geschichten, die Überlegenheits- und Allmachtsbedürfnisse, Aggression und Gewalt nicht nur kritisierten und begrenzten, sondern - ziemlich widersprüchlich -  ihre Erzeugung durch Zuwendungsentzug mit dem unerforschlichen Willen Gottes auch legitimierten.

Ursachen von Überlegenheits- und Allmachtsgier, Aggression und Gewalt

Warum erschlug Kain Abel? ....

"Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich." (Gen. 4.4-5). Kain - der hebräischen Bedeutung seines Namens nach ein Schmied wie Hephaistos; Abel, seinem hebräischen Namen nach ein "Hauch", eine "Nichtigkeit"   - wie Talos in den überlegenheitsgierigen Phantasien des Daedalus?

Warum spaltete Hephaistos  - wie Kain - einen Schädel? Nicht den seines Bruders, sondern den des   Oberpatriarchen Zeus, um die Göttin des praktischen Verstandes, der Verschlagenheit, des technischen Geschicks und des Kriegs aus dessen "Eierkopf" schlüpfen zu lassen? Warum versuchte er, diese jungfräuliche Kopfgeburt des Oberpatriarchen zu vergewaltigen?   Warum fertigte er Pandora, die erste Frau, die die Menschen kannten, die aus ihrer "Büchse" alle Übel der Welt entließ; warum Hera, seiner Mutter, der "besseren Hälfte" des Obepatriarchen Zeus, goldene Sandalen, die sie auf den Kopf stellten, und einen goldnenen Thron, von dem sie sich nicht mehr erheben konnte?

Hera schaute auf das Bein ihres Sohnes Hephaistos, aber auf ihn schaute sie nicht. Weil es lahmte warf sie ihn voller Widerwillen aus dem Himmel.

Warum erschlug Daedalus Talos - wie Kain Abel?

Die Mythen lassen nur einen Vater erkennen, der in Machtkämpfe verstrickt war. Eine Mutter kommt dort gar nicht mehr vor.

Zuwendungsentzug. Davon erzählen schon die Mythen als Ursache für Aggression, Überlegenheits- und Allmachtsgier und für Gewalt.

Schon die mythischen Geschichten fordern heraus, hinter der Eskalation der Gewalt zu Bestialität in verschiedenen historischen Epochen und ihrem Gipfel im vergangenen Jahrhundert eine Eskalation des Zuwendungsentzuges zu vermuten. Und sie fordern heraus, im Auge zu behalten, ob Überlegenheitsgier und Aggression nicht primär gegen Weibliches eskaliert, weil es in ihnen entweder völlig verschwindet oder zum Ziel von Projektionen und   herabsetzenden Überlegenheitsphantasien (Pandora, Eva) oder   Aggression und Gewalt wird (Hera, Athene). Dazu fordern nicht nur die Bestialitäten der letzten Jahrhunderte  (Hexenverbrennung, Vergewaltigungslager) und die Instrumentalisierung des weiblichen Leibes und weiblicher Sexualität zur Ware (Prostitution, Pornographie, Reproduktionstechnik) heraus sondern auch der immer noch faktische Ausschluß der Frauen aus der politischen Gestaltung der Lebensbedingungen.

Die Erkenntnisse der modernen Psychologie, vor allem der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie enthalten nicht viel anderes als die mythischen Geschichten. Dieser Feststellung ist biologistischer und genetisch deterministischer, ja so gar neurophysiologischer Applaus gewiß: Psychologie, besonders aber Psychoanalyse sei nicht so vrschieden von Mythos; dagegen befänden sich die Biologie, die Genetik und die Neurophysiologie an der Front der harten Fakten! Aber dieser Applaus kommt von der falschen Seite. Denn wer nicht den ganzen Tag ins Elektronenmikroskop oder auf die Strichcodes der DNA blickt, sondern im alltäglichen Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern die Augen offen hält, den wird diese Fesstellung weder befremden noch wundern: die Erkenntnisse der modernen psychoanalytischen Entwicklungspsychologie und die Mythen enthalten Lebenswissen, das dem Blick ins Elektronenmikroskop und auf die Strichcodes der DNA völlig entgeht: Aggression wird durch Zuwendungsentzug hervorgerufen. Das ist augenfällig. Jedoch nicht durch Elektronenmikroskope und DNA-Strichcodes.

Nicht augenfällig ist dagegen, welches Selbsterleben hinter den Aggressionsäußerungen von Säuglingen und Kleinkindern stehen. Das zu erkunden ist ein Abenteuer. Denn wer das möchte, scheitert zunächst an der Sprachlosigkeit von Säuglingen und Kleinkindern: die Frage, was sie erleben, wenn sie sich "die Seele aus dem Leib schreien", erhält keine andere Antwort als ihr Schreien.  Wer versucht, sich an sein Selbsterleben am eigenen Lebensbeginn zu erinnern, scheitert an der   als   "normal" akzeptierten kollektiven Amnesie der ersten Lebensjahre -   möglicherweise aber mehr an der eigenen Abwehr dessen, was bei der Überwindung dieser Grenze an Selbsterleben zum Vorschein käme und die Hermetik der kollektive Amnesie erklären könnte.

Es kann nicht ernsthaft umstritten werden ob, sondern lediglich wann sich die Wahrnehmung und Selbstwahrnemung von Kleinkindern so aus der psychischen Ungeschiedenheit von Selbst und Anderem in der  psychischen Mutter-Kind-Symbiose am Lebensbeginn ausdifferenziert hat, daß es dem entspricht, wie Erwachsen sich selbt und die Welt wahrnehmen (Daniel Stern vs. Margreth S. Mahler). Schon nach den bisherigen Erkenntnissen ist damit zu rechnen, daß dieser Zeitpunkt nicht fix, sondern variabel ist: nämlich je nach der Not-wendigkeit, die Symbiose aufzugeben, weil die noch not-wendige Zuwendung oder Einfühlung ausbleiben, Bedürfnisse nicht, nicht ausreichen oder zur Unzeit befriedigt und/oder Reizüberflutungen nicht unterbunden werden, sich im symbiotischen Kosmos Ohnmacht vor der Übermacht des Mangels oder der Reizüberflutung ausbreitet bis er weltuntergangsähnlich traumatisch entgleist. Da Entwicklung immer ein Prozeß ist, auch die Differenzierung der Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung,  egal wann sie abgeschlossen ist, kann das schon erreichte Entwicklung- und Differenzierungsniveau auch unter- oder überfordert werden, wenn der Umgang mit dem Kind nicht dem erreichten Niveau entspricht.

Überforderung   erzeugen immer schmerzhafte, ängstigende Ein-Drücke von Ohnmacht  - anfänglich in einer weltuntergangsähnlichen Entgleisung des symbiotischen Kosmos. Aus-Druck solcher Ein-Drücke ist der Schrei. Sie lösen Anstrengungen aus, die Ohnmacht zu überwinden, was aber gerade bei Überforderung des schon erreichten Entwicklungsniveaus scheitert und die Ohnmachtserfahrung vertieft. Ein Teufelskreis. So bricht, solange noch not-wendige Abhilfe von "Außen/Anderen" auf sich warten läßt, das schon erreichte Entwicklungsniveau unter der Übermacht des Mangels oder des nicht zu bewältigenden Reizes zusammen (Regression). Dann wird versucht, die Ohnmacht phantastisch zu überwinden: durch Überlegenheits- und Allmachtsphantasien - ich bin stärker als das, was den symbiotischen Kosmos weltuntergangsähnlich entgleisen läßt.

Entzug von Zuwendung oder Einfühlung - oder aber die Unfähigkeit zu Zuwendung oder Einfühlung - können so lange psychisch überfordern, solange ein Kind nicht alle Alltagsereignisse selbständig bewältigen kann, besonders aber, solange eine sprachliche Verständigung zwischen dem Kind und seinen Betreuern noch nicht möglich ist.

Gelingende Zuwendung und Einfühlung setzen aber nicht nur Zeit voraus und den Willen, diese Zeit in Zuwendung und das Ringen um Einfühlung zu "investieren", sondern auch die Fähigkeit der Eltern, besonders der Mütter, zu Zuwendung und Einfühlung.

Mangelten Zuwendung und Einfühlung in der eigenen Kindheit, türmten sich Überforderungen und Ohnmachtsgefühle. Anstelle der nicht oder wenig erfahrenen Zuwendung und Einfühlung wird dann phantastische Selbsthilfe durch Überlegenheits- und Allmachtsphantasien zur Kompensation der Ohnmachtsgefühle "gelernt". Je häufiger und internsiver solche Ohnmachtserfahrungen waren, desto intensiver wurden Agressionneigung, Überlegenheits- und Allmachtsgier und die Unfähigkeit zur Einfühlung, desto intensiver wird aber auch die Unfähigkeit, sich auf Nähe einzulassen und auf Zuwendung und Einfühlung anderer zu verlassen (aus Angst vor Wiederkehr der Ohmacht), desto intensiver werden die Neigungen, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse mit Berechnung, Kalkül, praktischem Verstand, Überlegenheit, Macht und Gewalt sicherzustellen.

Für letzteres ein Beispiel: ein vielleicht vierjähriger Junge fällt beim Spiel, steht auf und reibt sich das Knie. Sein Gesicht verzerrt sich schon zum Heulen. Als er bemerkt, daß außer einem gewissen Schmerz mit dem Knie nichts ist, entspannt sich sein Gesicht und er spielt selbstvergessen weiter. Eine halbe Stunde später schaut seine Mutter nach ihm. Als er sie entdeckt, brüllt er gleich los und zeigt auf sein Knie.   Er war sehr wohl schon in der Lage, seinen Schmerz selbst zu bewältigen, mißbrauchte sein Mißgeschick aber, um die Befriedigung eines Bedürfnissse nach (nicht mehr not-wendiger) Zuwendung   lisitg mit berechnend vorgetäuschtem Leid sicherzustellen.

Alle Folgen mangelnder Zuwendung und Einfühlung tendieren dazu, gleich vierfach zu sich selbst verstärkenden Teufelskreisen zu werden:

(1. Reproduktion) Da zu diesen Folgen sowohl die Gier nach (entgangener) Nähe, Zuwendung, Einfühlung  als auch die Unfähigkeit zu Nähe, Zuwendung und Einfühlung aus Angst vor Wiederkehr der Ohnmacht gehören, wächst von Generation zu Generation die Gefahr, daß Gier nach und Unfähigkeit zu Nähe, Zuwendung und Einfühlung immer intensiver reproduziert wird. Immer mehr wird Überlegenheit und Macht über vermutete Quellen von Nähe, Zuwendung und Einfühlung zur Voraussetzung, sie zulassen zu können - oder anders herum: je abhängiger, unterworfener, ohnmächtiger eine vermutete Quelle von Nähe, Zuwendung, Einfühlung, desto eher kann die Wiederkehr der Ohnmacht in Fremdem ausgeschlossen werden, desto eher kann Nähe, Zuwendung Einfühlung zugelassen werden. Daraus resultieren emotionaler (und sexueller) Mißbrauch von Kindern: Nähe, Zuwendung, Einfühlung wird neuem Leben nicht entgegengebracht, sondern ihm abgenötigt. Bei emotionalem Mißbrauch steht die Symbiose  Kopf: Erwachsene, die Wirt sein sollten, machen sich dann zum Gast und drängen neues Leben in die Rolle des Wirtes, der Quelle von Nähe, Zuwendung und Trost (zu  Einfühlung sind Säuglinge und Kleinkinder noch gar nicht fähig). Neuem Leben wird die egozentrische Benutzung durch Erwachsene zur Befriedigung ihrer emotionalen (und sexuellen) Bedürfnisse übermächtig. Im kopfstehenden symbiotischen Kosmos erfährt neues Leben die Dominanz exzessiver Ohnmacht sowohl durch den Mangel an Zuwendung und Einfühlung in seine Bedürfnisse, als auch durch Überforderung durch egozentrisch agierte fremde Bedürfnisse.

(2. Befriedigungsstrategien) Je intensiver die Gier nach Nähe, Zuwendung und Einfühlung aber auch die Unfähigkeit, sich auf Nähe einzulassen und auf Zuwendung und Einfühlung Anderer zu verlassen (aus Angst vor Ohnmacht), reproduziert wird, desto größer die Neigung, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse mit Berechnung, Kalkül, praktischem Verstand, Überlegenheit, Macht und Gewalt sicherzustellen; desto mehr wächst aber die Gier nach Nähe, Zuwendung, Einfühlung und die Abhängigkeit von Surrogaten/Kompensaten (Ruhm, Fun, Thrill, Reichtum), weil sich Nähe, Zuwendung und Einfühlung mit diesen Mitteln nicht sicherstellen lassen.

(3. Befreidigungsmittel) Da Surrogate/Kompensate andererseits die Gier nach Nähe, Zuwendung, Einfühlung nicht befriedigen können,  entgrenzt sich die   Gier nach Surrogaten/Kompensaten, die mit einem immer größeren Aufwand an Berechnung, Kalkül, praktischem Verstand, Überlegenheitsstreben, Macht und Gewalt beschafft und gehortet werden. Das aber kostet immer mehr Zeit und Kraft, die fehlt, neuem Leben Zuwendung und Einfühlung entgegenzubringen (falls nicht schon die Fähigkeit dazu fehlt).

(4. Weltgestaltung ) Die Gestaltung der Welt, der Lebensbedingungen, des Alltags wird immer intensiver an der Jagd nach Surrogaten/Kompensaten orientiert (schneller, höher, weiter, berühmter, effizienter, profitabler, mächtiger). Dadurch fehlen mit sozialer Lizenz immer mehr Zeit, Kraft und allmählich auch Raum, neuem Leben Nähe, Zuwendung und Einfühlung entgegenzubringen. Nähe, Zuwendung und Einfühlung entschwinden der Wertorientierung.

An dieser Stelle könnten weitere Zeiterscheinungen herangezogen werden um zu verdeutlichen, daß diese Teufelskreise bereits ein hohes Selbstverstärkungstempo erreicht haben und die Fähigkeit zu Zuwendung und Einfühlung den oben genannten eher asozialen, dennoch inzwischen äußerst salonfähigen Fähigkeiten weicht, die zur Bestialisierung tendieren.

Weil der Gipfel dieser Entwicklung, die Reproduktions- und Gentechnik,   möglicherweise an ihren Beginn zurückgreift, sei hier nur stellvertretend die Wahrnehmung aufgegriffen, daß die eher asozialen, dennoch salonfähigen Fähigkeiten sich auffällig gegen Frauen   richten und die Tendenz zeigen, sie nicht nur aus der Gestaltung von Welt, sondern auch noch aus der "Reproduktion"  - oder mit ganz anderen Worten: von jenem Gipfel der Lebensfreude auszuschließen, der mit lustvoll erlösendem Selbstverlust neues Leben in die Welt ruft:

Chemisch-chirurgische Gewinnung von Eiern, Befruchtung im Reagenzglas, Präimplantationsdiagnostik, Genmanipulation, Zellkultur - da fehlt nur noch die Ersetzung des menschlichen Eis durch ein schweinisches, dem eine komplett menschliche DNA unterschoben wird, und der Leih-Gebärmutter durch künstliche, gebärmutterartige Zellkulturen, und Frauen sind überflüssig - selbst als Eispender in Legebatterien. Nun können sie die Symbiose nicht mehr durch Verweigerung von oder Unfähigkeit zu Zuwendung und Einfühlung, durch Konsum von Nähe und Zuwendung auf den Kopf stellen und exzessiver Ohnmacht in der weltuntergangsähnlichen Entgleisung des symbiotischen Kosmos aussetzen! Und endlich sind Reproduktions- und Gentechniker die nicht nur    uneingeschränkten, sondern schon gottebenbildlichen, allmächtigen Herren der Sch®öpfung, die sich und ihre Allmacht gentechnisch weiter so perfektionieren, daß keine Frau mehr Zuwendung und Einfühlung verweigern und Nähe, Zuwendung und Einfühlung nur für sich beanspruchen kann. (Böse, böse. Ich weiß.)

Aber diese Horrorvision treibt bloß auf die Spitze, was in die Augen springt: in welchem Paralment der Welt sind je ein Drittel der Sitze für Frauen und Kinder reserviert? Und wer kennt die mehr oder weniger abfällige Rede von der "Quotenfrau" oder den Vorrang der sogenannten "Sachkompetenz"  - vor der Lebens- und Sozialkompetenz! - nicht?

Dies ist zweifelsfrei eine weitere Komponente des Teufelskreises in der Weltgestaltung (4), die aber schon seit mehreren Jahrtausenden zu beobachten ist und seither kompetente Vertretung der Interessen neuen Lebens aus der Gestaltung von Welt, Lebensbedingungen und Alltag ausschließt - und damit auch das Interesse neunen Lebens an ungestörter psychischer Entwicklung, an der Optimierung der Lebensbedingungen für die Entfaltung von Zuwendung und Einfühlung.  Ein Wunder, daß Zuwendung und Einfühlung - wenn überhaupt noch - schon lange jämmerlich schlechte Karten hat?

Wie's uranfänglich dazu kam muß hier nicht geklärt werden. Aber die Katholiken haben Anlaß darüber nachzudenken, ob nicht die Hexenverbrennung  diesen Teufelskreisen angehört, und die Protestanten, ob und wie der Auschluß der Marienverehrung ein Teil der Teufelskreise ist. Schon vor 250 Jahren -  der letzte Scheiterhaufen war noch warm - dachte bei der Ausgestaltung der Birnauer Basilika der Schöpfer des Deckenfreskos möglicherweise darüber nach, was denn an der Darstellung der Frau in der Apokalypse, wie Dürer sie bibelgetreu verbildlicht hat, diesen Teufelskreisen angehören könnte .... und schuf eine .

Es ist wie mit Händen zu greifen: dieses psychokulturelle Grundmuster und die sich selbst verstärkenden Teufelskreise, in die es führt, sind nicht zukunftsfähig. Die Gier nach und Abhängigkeit von den Surrogaten/Kompensaten mangelnder Zuwendung und Einfühlung und die Gier nach Überlegenheit und Allmacht, die hilft, ein Maximum an Surrogaten/Kompensaten anzuhäufen, sind die Motoren des Raubbaus an den Lebensgrundlagen aller. Deshalb ist es unumgänglich, sie zu überwinden. Dies aber erfordert, kollektiv falsche Gefühle zu überwinden, nämlich die Gier nach Kompensaten des Zuwendungs- und Einfühlungsmangels und nach Überlegenheit und Allmacht. Wer eine Psychotherapie hinter sich hat oder sich etwas auskennt, weiß, welch gewaltige Anstrengung das ist.

Das Tabu

Die kollektive Amnesie der ersten Lebensjahre, die sich teils der Unverträglichkeitt frühkindlicher Ein-Drücke mit den Wahrnehmungs- und Bewußtseinsformen der Erwachsenen verdankt (Spitz, Piaget, Jacobson, Mahler), teils aber auch der Abwehr jener Ohnmachtserfahrungen, die dem Mangel an Zuwendung und Einfühlung entstammen, ist die Basis dieses Tabus.

Aber dieses psychokulturelle Grundmuster und die Teufelskreise, in die es führt, sind eben auch Motor der Wirtschaft und das Fundament der   Wachstumsideologie. Und deshalb sind sie auch ideologisch tabu.

 

 

Der Attraktor der Teufelskreise

Nichtlineare Entwicklungen

Biologistischer und genetischer Determinismus befestigen nun das Tabu, in dem sie von den eigentlichen Ursachen der wachsenden Problemflut ablenken: sie ersparen die Einsicht, mit    liebgewordenen Gewohnheiten und sozial legitimierten Allmachtsphantasien und hoch bewerteten Verhaltensmustern selbst die Problemflut zu erzeugen, und entlasten von der Verantwortung für die bedrohlichen Folgen. Wir können nicht anders, es liegt in den Genen. Der Ausweg ist die Gentechnik, die gentechnische Selbstperfektionierung der Eliten, an deren Wesen die Welt genese ..... Heil "life science"!

 

Gegen diesen neuen Mythos kann wegen seiner entlastenden Funktion am besten Widerstand geleistet werden, wie es die Griechen gezeigt haben: mit den Mitteln des Mythos. Dies wäre aber schon die Kommunikation des Aufklärungsergebnisses.

Die Kirchen sind herausgefordert, den Beitrag christlicher Religion zu den Teufelskreisen zu überwinden. Das kann mit einer gründlichen Besinnung auf die Genesis und die Apokalypse anfangen, sozusagen vom "Sündenfall" über die Nichtbeachtung Kains und den Babylonischen Turm zu Babylon und den Königen und Kaufleuten die mit ihr und dem Mammonismus hurten. Dabei müßten sie sich einige kritische Fragen zur nichtbeachtung Kains, der Herkunft und den Inhalten der apokalyptischen Weltuntergangsbildern, der apokalyptischen Frau und ihrem Sohn und den Zahlenspielen um "dreieinhalb Zeiten" gefallen lassen.

Man wird auch einen Teil der Firmen überzeugen müssen, daß es sehr profitabel sein könnte, Werbekonzepte und die Inhalte ihrer Botschaften auf den herannahenden Attraktorwechsel einzustellen (dabei muß man ja nicht laut sagen, daß das eher dazu dienen soll, ihn herbeizuführen)


(1) vgl. auch Kollek, Regine (1994): Der Gral der Gentechnik. Das menschliche Genom  als Symbol wissenschaftlicher Heilserwartungen des 21. Jahrhunderts. in: Mittelweg 36, I/94