Die Tatsache biblischer und mythischer Kritik an
Allmachtsbedürfnissen und -phantasien ver-führt, sich bei dem Gedanken zu
beruhigen, Überlegenheits- und Allmachtsbedürfnisse seien "ewig menschlich":
es habe sie schon vor 3300 Jahren gegeben und werde sie deshalb auch ewig geben. Modernen
biologistischen Hypothesen vom Schlage genetischer Determinierung solcher Eigenschaften
wie Aggressivität und Schizophrenie - warum also nicht auch von
Allmachtsbedürfnissen? - wird das in den Kram passen. Aber die biblischen wie die
griechischen Geschichten beantworten die Frage nach den Ursachen von Aggression,
Überlegenheits- und Allmachtsbedürfnissen etwas anders: dort werden sie mit
Zuwendungsentzug durch Autoritäten, Eltern, Mütter begründet.
"Eben: Mythos!", werden die Biologisten und genetischen
Deterministen nun triumphieren - und psychologische Relativierungen ihres
deterministischen Blicks gleich dem Reich der Märchen zuweisen.
Ein Blick auf das vergangene Jahrhundert und gegenwärtig akute
Entwicklungen zeigt jedoch die fatalistischen Abgründe jeglicher Biologismen und
genetischen Determinismen:
Tatsache ist, daß technologische Allmachts- und
Überlegenheitsphantsien Vernichtungspotentiale und Probleme in unfaßbar irrationalem
Ausmaß aufgetürmt haben: wieso, ist bohrend zu fragen, haben die kalten Krieger mit der
Atomwaffenproduktion nicht aufgehört, als beide Lager die Möglichkeit hatten, die ganze
Welt einmal zum Teufel zu jagen? Warum türmten sie weiter mit durchaus manifesten
apokalyptischen Gedanken an ein tausendjähriges Reich (Ronald Reagan wähnte sich schon
in Harmagedon) babylonische Waffentürme auf, bis sie die Welt elf mal zum Teufel jagen
konnten. Null Sinn! Außer: ich bin größer, stärker, mächtiger als Du, Dir überlegen,
übermächtig! Nichts als krankhafte Megalomanie! Kaum besser als der Rassenwahn vom
arischen Herrenmenschen eines anderen Tausendjährigen Reiches wenige Jahrzehnte zuvor und
heute die Sloterdijksche Vision der Eliten, die sich für das 3. Jahrtausend gentechnisch
perfektionieren, damit an ihrem Wesen schon wieder die Welt genese ....
Doch zurück aus den Megalomanien der Visionen tausenjähriger
Reiche in unseren Alltag: was läßt uns mit Leib und Leben spielen um die oberste Stufe
des "Treppchens", die "pole position", die Spitze zahlloser
Hierarchien in Firmen, Verbänden, Vereinen zu erreichen, die "Nummer 1" der
Branche zu werden, was im Urlaub hochstapeln, immer schnellere Autos produzieren und
kaufen, auf der Autobahn drängeln, die Zahl der Zitate zählen, immer noch Gewinne
maximieren, wenn mit dem angehäuften Vermögen schon die nächsten 5 Generationen in Saus
und Braus leben können usw. usw.? Sind die inneren Motive von all dem so verschieden von
denen des Schlags, der Obdachlose, Behinderte, Ausländer trifft? Und was ist es, das
immer jüngere Kids treibt, in Amokläufen Terminatoren zu mimen? Was bringt die
Supermänner, die Terminatoren, die Kettensäger erst in die Köpfe ihrer
"Schöpfer", dann in die Medien, schließlich in die Spiele der Kinder bis sie
dann wirklich amoklaufen? Was bringt Aggression und Überlegenheitsbedürfnisse in die
Sexualität, daß nach diversen Formen der Abwertung und Beherrschung der Frauen,
Kindesmißbrauch, SM und andere Formen der Ohnmachtsvermeidung in Gier nach Nähe (alle
Formen von Sexualität als Ware) sich ausbreiten?
Diese Versammlung von Visionen, Alltagsmustern und Gewalteskalationen
macht eindringlich klar, wie überfällig, überlebenswichtig und not-wendig es ist, die
Ursachen von Überlegenheits- und Allmachtsphantasien aufzuklären - nicht bloß in
Technologien. Diese Phantasien haben die Entwicklung unserer Kultur offenbar nicht erst
seit gestern so fest im Griff, daß sie sich immer schneller selbst verstärken und zu
einem selbstzerstörerischen Teufelskreis beschleunigen. Deshalb ist Aufklärung der
Überlegenheits- und Allmachtspahantasien not-wendig und überlebenswichtig.
Dem ist entgegengesetzt, was die Propheten der Gentechnik verkündigen
und verheißen. Sie entgrenzen Überlegenheits- und Allmachtsphantsien, mit ihren
Verkündigungen und Verheißungen wie mit der Gentechnik selbst und ihren Anwendungen. Wo
zu bremsen und aufzuklären wäre, werfen die "life science"-
Apostel mythische Nebelkerzen und treten erst recht aufs Gas.
Aber Augen zu und aufs Gas treten ist durchaus der sogenannte
Zeitgeist: Schneller, höher, weiter, effizienter, profitabler ..... Wenn wir es nicht
machen, machen es die anderen. Dann sind die anderen auf der obersten Stufe des
Treppchens, an der Spitze der "Top Ten", die "Nr.1". Nicht sein kann,
was nicht sein darf: also machen wir es - schneller, höher, weiter, effizienter,
profitabler als die anderen. Gier nach Überlegenheit und Allmacht. Niemand will
wahrhaben: Mehr desselben ist schnell selbst das Problem und nicht die Lösung. Wir sind
schneller als sie. Im Sarg?
Biologismus und genetischer Determinismus sind zwar wahrnehmbar sehr in
Mode. Dennoch kenen sie keinen Zeit-Geist. Für sie ist das alles genetische Finalität:
der Mensch als Lemming. Biologistischer und genetischer Determinismus - ein Abgrund an
Fatalismus, der klammheimlich und stumm den Weltuntergang beschwört - gerade das aber
seinen Kritikern vorwirft.
Davor verbeugen sich gehorsam vorauseilend Philosophen wie Dworkin und
Sloterdijk, die den Humanismus angesichts der Bestialisierungen des letzten jahrhunderts
als gescheitert verabschieden: Nur wenn sich Eliten gentechnisch selbst perfektionieren,
wird an deren Wesen der Rest der Welt genesen ..... wird der Rest der Welt
Erlösung aus dem gegenwärtigen Teufelskreis der Bestialisierung und Verschonung vom
Weltuntergang finden .... an der Schwelle des 3. Jahrtausend wird wieder einmal in einem
"neuen Zeitalter" nur den Gläubigen die Gnade der neuen Herren der Sch®öpfung
anstelle des Weltuntergangs und der Hölle zuteil.
Spätestens hier wird die Funktion kollektiver, systemstabilisierneder
Entlastung durch den "Mythos Gentechnik" deutlich:
Biologischer und genetischer Determinismus zeigen sich also selbst als
Mythos, der die Menschen in einer Zeit der Bestialisierung von der Belastung
entlastet, falsche Bedürfnisses - Überlegenheits- und Allmachtsgier -
und Verantwortung für die Bestialisierung einzugestehen, ihre Gefühle wie ihr Denken zu
ändern. Sie stabilisieren damit ein überlegenheits- und allmachtsgieriges System,
das seine Verantwortung für die Folgen seines Überlegenheits- und Allmachttaumels
nicht wahrhaben will. Ein systemstabilisierender Mythos zugunsten derer, die mit
Genklempnerei, die aus der Bestaialisierung erlösen soll, ihren Überlegenheits- und
Allmachtsrausch vergolden wollen, damit aber nur den gierigen Überlegenheits- und
Allmachtstaumel (ums goldene Kalb) auf die Spitze treiben und die Bestialisierung absehbar
verstärken.
Dieser Mythos ist ebenso aufzuklären wie die biblischen Geschichten,
die Überlegenheits- und Allmachtsbedürfnisse, Aggression und Gewalt nicht nur
kritisierten und begrenzten, sondern - ziemlich widersprüchlich - ihre Erzeugung
durch Zuwendungsentzug mit dem unerforschlichen Willen Gottes auch legitimierten.
Ursachen von Überlegenheits- und Allmachtsgier, Aggression und
Gewalt
Warum erschlug Kain Abel? ....
"Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein
Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich."
(Gen. 4.4-5). Kain - der hebräischen Bedeutung seines Namens nach ein Schmied wie
Hephaistos; Abel, seinem hebräischen Namen nach ein "Hauch", eine
"Nichtigkeit" - wie Talos in den überlegenheitsgierigen Phantasien
des Daedalus?
Warum spaltete Hephaistos - wie Kain - einen Schädel? Nicht den
seines Bruders, sondern den des Oberpatriarchen Zeus, um die Göttin des
praktischen Verstandes, der Verschlagenheit, des technischen Geschicks und des Kriegs aus
dessen "Eierkopf" schlüpfen zu lassen? Warum versuchte er, diese jungfräuliche
Kopfgeburt des Oberpatriarchen zu vergewaltigen? Warum fertigte er Pandora,
die erste Frau, die die Menschen kannten, die aus ihrer "Büchse" alle Übel der
Welt entließ; warum Hera, seiner Mutter, der "besseren Hälfte" des
Obepatriarchen Zeus, goldene Sandalen, die sie auf den Kopf stellten, und einen goldnenen
Thron, von dem sie sich nicht mehr erheben konnte?
Hera schaute auf das Bein ihres Sohnes Hephaistos, aber auf ihn schaute
sie nicht. Weil es lahmte warf sie ihn voller Widerwillen aus dem Himmel.
Warum erschlug Daedalus Talos - wie Kain Abel?
Die Mythen lassen nur einen Vater erkennen, der in Machtkämpfe
verstrickt war. Eine Mutter kommt dort gar nicht mehr vor.
Zuwendungsentzug. Davon erzählen schon die Mythen als Ursache für
Aggression, Überlegenheits- und Allmachtsgier und für Gewalt.
Schon die mythischen Geschichten fordern heraus, hinter der Eskalation
der Gewalt zu Bestialität in verschiedenen historischen Epochen und ihrem Gipfel im
vergangenen Jahrhundert eine Eskalation des Zuwendungsentzuges zu vermuten. Und sie
fordern heraus, im Auge zu behalten, ob Überlegenheitsgier und Aggression nicht primär
gegen Weibliches eskaliert, weil es in ihnen entweder völlig verschwindet oder zum Ziel
von Projektionen und herabsetzenden Überlegenheitsphantasien (Pandora, Eva)
oder Aggression und Gewalt wird (Hera, Athene). Dazu fordern nicht nur die
Bestialitäten der letzten Jahrhunderte (Hexenverbrennung, Vergewaltigungslager) und
die Instrumentalisierung des weiblichen Leibes und weiblicher Sexualität zur Ware
(Prostitution, Pornographie, Reproduktionstechnik) heraus sondern auch der immer noch
faktische Ausschluß der Frauen aus der politischen Gestaltung der Lebensbedingungen.
Die Erkenntnisse der modernen Psychologie, vor allem der
psychoanalytischen Entwicklungspsychologie enthalten nicht viel anderes als die mythischen
Geschichten. Dieser Feststellung ist biologistischer und genetisch deterministischer, ja
so gar neurophysiologischer Applaus gewiß: Psychologie, besonders aber Psychoanalyse sei
nicht so vrschieden von Mythos; dagegen befänden sich die Biologie, die Genetik und die
Neurophysiologie an der Front der harten Fakten! Aber dieser Applaus kommt von der
falschen Seite. Denn wer nicht den ganzen Tag ins Elektronenmikroskop oder auf die
Strichcodes der DNA blickt, sondern im alltäglichen Umgang mit Säuglingen und
Kleinkindern die Augen offen hält, den wird diese Fesstellung weder befremden noch
wundern: die Erkenntnisse der modernen psychoanalytischen Entwicklungspsychologie und die
Mythen enthalten Lebenswissen, das dem Blick ins Elektronenmikroskop und auf die
Strichcodes der DNA völlig entgeht: Aggression wird durch Zuwendungsentzug hervorgerufen.
Das ist augenfällig. Jedoch nicht durch Elektronenmikroskope und DNA-Strichcodes.
Nicht augenfällig ist dagegen, welches Selbsterleben hinter den
Aggressionsäußerungen von Säuglingen und Kleinkindern stehen. Das zu erkunden ist ein
Abenteuer. Denn wer das möchte, scheitert zunächst an der Sprachlosigkeit von
Säuglingen und Kleinkindern: die Frage, was sie erleben, wenn sie sich "die Seele
aus dem Leib schreien", erhält keine andere Antwort als ihr Schreien. Wer
versucht, sich an sein Selbsterleben am eigenen Lebensbeginn zu erinnern, scheitert an
der als "normal" akzeptierten kollektiven Amnesie der ersten
Lebensjahre - möglicherweise aber mehr an der eigenen Abwehr dessen, was bei der
Überwindung dieser Grenze an Selbsterleben zum Vorschein käme und die Hermetik der
kollektive Amnesie erklären könnte.
Es kann nicht ernsthaft umstritten werden ob, sondern lediglich wann
sich die Wahrnehmung und Selbstwahrnemung von Kleinkindern so aus der psychischen
Ungeschiedenheit von Selbst und Anderem in der psychischen Mutter-Kind-Symbiose am
Lebensbeginn ausdifferenziert hat, daß es dem entspricht, wie Erwachsen sich selbt und
die Welt wahrnehmen (Daniel Stern vs. Margreth S. Mahler). Schon nach den bisherigen
Erkenntnissen ist damit zu rechnen, daß dieser Zeitpunkt nicht fix, sondern variabel ist:
nämlich je nach der Not-wendigkeit, die Symbiose aufzugeben, weil die noch
not-wendige Zuwendung oder Einfühlung ausbleiben, Bedürfnisse nicht, nicht ausreichen
oder zur Unzeit befriedigt und/oder Reizüberflutungen nicht unterbunden werden, sich im
symbiotischen Kosmos Ohnmacht vor der Übermacht des Mangels oder der Reizüberflutung
ausbreitet bis er weltuntergangsähnlich traumatisch entgleist. Da Entwicklung immer ein
Prozeß ist, auch die Differenzierung der Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung, egal wann
sie abgeschlossen ist, kann das schon erreichte Entwicklung- und Differenzierungsniveau
auch unter- oder überfordert werden, wenn der Umgang mit dem Kind nicht dem erreichten
Niveau entspricht.
Überforderung erzeugen immer schmerzhafte, ängstigende
Ein-Drücke von Ohnmacht - anfänglich in einer weltuntergangsähnlichen Entgleisung
des symbiotischen Kosmos. Aus-Druck solcher Ein-Drücke ist der Schrei. Sie lösen
Anstrengungen aus, die Ohnmacht zu überwinden, was aber gerade bei Überforderung des
schon erreichten Entwicklungsniveaus scheitert und die Ohnmachtserfahrung vertieft. Ein
Teufelskreis. So bricht, solange noch not-wendige Abhilfe von "Außen/Anderen"
auf sich warten läßt, das schon erreichte Entwicklungsniveau unter der Übermacht des
Mangels oder des nicht zu bewältigenden Reizes zusammen (Regression). Dann wird versucht,
die Ohnmacht phantastisch zu überwinden: durch Überlegenheits- und Allmachtsphantasien -
ich bin stärker als das, was den symbiotischen Kosmos weltuntergangsähnlich entgleisen
läßt.
Entzug von Zuwendung oder Einfühlung - oder aber die Unfähigkeit zu
Zuwendung oder Einfühlung - können so lange psychisch überfordern, solange ein Kind
nicht alle Alltagsereignisse selbständig bewältigen kann, besonders aber, solange eine
sprachliche Verständigung zwischen dem Kind und seinen Betreuern noch nicht möglich ist.
Gelingende Zuwendung und Einfühlung setzen aber nicht nur Zeit voraus
und den Willen, diese Zeit in Zuwendung und das Ringen um Einfühlung zu
"investieren", sondern auch die Fähigkeit der Eltern, besonders der Mütter, zu
Zuwendung und Einfühlung.
Mangelten Zuwendung und Einfühlung in der eigenen Kindheit, türmten
sich Überforderungen und Ohnmachtsgefühle. Anstelle der nicht oder wenig erfahrenen
Zuwendung und Einfühlung wird dann phantastische Selbsthilfe durch Überlegenheits- und
Allmachtsphantasien zur Kompensation der Ohnmachtsgefühle "gelernt". Je
häufiger und internsiver solche Ohnmachtserfahrungen waren, desto intensiver wurden
Agressionneigung, Überlegenheits- und Allmachtsgier und die Unfähigkeit zur Einfühlung,
desto intensiver wird aber auch die Unfähigkeit, sich auf Nähe einzulassen und auf
Zuwendung und Einfühlung anderer zu verlassen (aus Angst vor Wiederkehr der Ohmacht),
desto intensiver werden die Neigungen, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse mit
Berechnung, Kalkül, praktischem Verstand, Überlegenheit, Macht und Gewalt
sicherzustellen.
Für letzteres ein Beispiel: ein vielleicht vierjähriger Junge fällt
beim Spiel, steht auf und reibt sich das Knie. Sein Gesicht verzerrt sich schon zum
Heulen. Als er bemerkt, daß außer einem gewissen Schmerz mit dem Knie nichts ist,
entspannt sich sein Gesicht und er spielt selbstvergessen weiter. Eine halbe Stunde
später schaut seine Mutter nach ihm. Als er sie entdeckt, brüllt er gleich los und zeigt
auf sein Knie. Er war sehr wohl schon in der Lage, seinen Schmerz selbst zu
bewältigen, mißbrauchte sein Mißgeschick aber, um die Befriedigung eines Bedürfnissse
nach (nicht mehr not-wendiger) Zuwendung lisitg mit berechnend vorgetäuschtem Leid
sicherzustellen.
Alle Folgen mangelnder Zuwendung und Einfühlung tendieren dazu, gleich
vierfach zu sich selbst verstärkenden Teufelskreisen zu werden:
(1. Reproduktion) Da zu diesen Folgen sowohl die Gier nach
(entgangener) Nähe, Zuwendung, Einfühlung als auch die Unfähigkeit zu Nähe,
Zuwendung und Einfühlung aus Angst vor Wiederkehr der Ohnmacht gehören, wächst von
Generation zu Generation die Gefahr, daß Gier nach und Unfähigkeit zu Nähe, Zuwendung
und Einfühlung immer intensiver reproduziert wird. Immer mehr wird Überlegenheit und
Macht über vermutete Quellen von Nähe, Zuwendung und Einfühlung zur Voraussetzung, sie
zulassen zu können - oder anders herum: je abhängiger, unterworfener, ohnmächtiger eine
vermutete Quelle von Nähe, Zuwendung, Einfühlung, desto eher kann die Wiederkehr der
Ohnmacht in Fremdem ausgeschlossen werden, desto eher kann Nähe, Zuwendung Einfühlung
zugelassen werden. Daraus resultieren emotionaler (und sexueller) Mißbrauch von Kindern:
Nähe, Zuwendung, Einfühlung wird neuem Leben nicht entgegengebracht, sondern ihm
abgenötigt. Bei emotionalem Mißbrauch steht die Symbiose Kopf: Erwachsene, die
Wirt sein sollten, machen sich dann zum Gast und drängen neues Leben in die Rolle des
Wirtes, der Quelle von Nähe, Zuwendung und Trost (zu Einfühlung sind Säuglinge
und Kleinkinder noch gar nicht fähig). Neuem Leben wird die egozentrische Benutzung durch
Erwachsene zur Befriedigung ihrer emotionalen (und sexuellen) Bedürfnisse übermächtig.
Im kopfstehenden symbiotischen Kosmos erfährt neues Leben die Dominanz exzessiver
Ohnmacht sowohl durch den Mangel an Zuwendung und Einfühlung in seine Bedürfnisse, als
auch durch Überforderung durch egozentrisch agierte fremde Bedürfnisse.
(2. Befriedigungsstrategien) Je intensiver die Gier nach Nähe,
Zuwendung und Einfühlung aber auch die Unfähigkeit, sich auf Nähe einzulassen und auf
Zuwendung und Einfühlung Anderer zu verlassen (aus Angst vor Ohnmacht), reproduziert
wird, desto größer die Neigung, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse mit
Berechnung, Kalkül, praktischem Verstand, Überlegenheit, Macht und Gewalt
sicherzustellen; desto mehr wächst aber die Gier nach Nähe, Zuwendung, Einfühlung und
die Abhängigkeit von Surrogaten/Kompensaten (Ruhm, Fun, Thrill, Reichtum), weil sich
Nähe, Zuwendung und Einfühlung mit diesen Mitteln nicht sicherstellen lassen.
(3. Befreidigungsmittel) Da Surrogate/Kompensate andererseits die Gier
nach Nähe, Zuwendung, Einfühlung nicht befriedigen können, entgrenzt sich
die Gier nach Surrogaten/Kompensaten, die mit einem immer größeren Aufwand
an Berechnung, Kalkül, praktischem Verstand, Überlegenheitsstreben, Macht und Gewalt
beschafft und gehortet werden. Das aber kostet immer mehr Zeit und Kraft, die fehlt, neuem
Leben Zuwendung und Einfühlung entgegenzubringen (falls nicht schon die Fähigkeit dazu
fehlt).
(4. Weltgestaltung ) Die Gestaltung der Welt, der Lebensbedingungen,
des Alltags wird immer intensiver an der Jagd nach Surrogaten/Kompensaten orientiert
(schneller, höher, weiter, berühmter, effizienter, profitabler, mächtiger). Dadurch
fehlen mit sozialer Lizenz immer mehr Zeit, Kraft und allmählich auch Raum, neuem Leben
Nähe, Zuwendung und Einfühlung entgegenzubringen. Nähe, Zuwendung und Einfühlung
entschwinden der Wertorientierung.
An dieser Stelle könnten weitere Zeiterscheinungen herangezogen werden
um zu verdeutlichen, daß diese Teufelskreise bereits ein hohes Selbstverstärkungstempo
erreicht haben und die Fähigkeit zu Zuwendung und Einfühlung den oben genannten eher
asozialen, dennoch inzwischen äußerst salonfähigen Fähigkeiten weicht, die zur
Bestialisierung tendieren.
Weil der Gipfel dieser Entwicklung, die Reproduktions- und
Gentechnik, möglicherweise an ihren Beginn zurückgreift, sei hier nur
stellvertretend die Wahrnehmung aufgegriffen, daß die eher asozialen, dennoch
salonfähigen Fähigkeiten sich auffällig gegen Frauen richten und die Tendenz
zeigen, sie nicht nur aus der Gestaltung von Welt, sondern auch noch aus der
"Reproduktion" - oder mit ganz anderen Worten: von jenem Gipfel der
Lebensfreude auszuschließen, der mit lustvoll erlösendem Selbstverlust neues Leben in
die Welt ruft:
Chemisch-chirurgische Gewinnung von Eiern, Befruchtung im Reagenzglas,
Präimplantationsdiagnostik, Genmanipulation, Zellkultur - da fehlt nur noch die Ersetzung
des menschlichen Eis durch ein schweinisches, dem eine komplett menschliche DNA
unterschoben wird, und der Leih-Gebärmutter durch künstliche, gebärmutterartige
Zellkulturen, und Frauen sind überflüssig - selbst als Eispender in Legebatterien. Nun
können sie die Symbiose nicht mehr durch Verweigerung von oder Unfähigkeit zu Zuwendung
und Einfühlung, durch Konsum von Nähe und Zuwendung auf den Kopf stellen und exzessiver
Ohnmacht in der weltuntergangsähnlichen Entgleisung des symbiotischen Kosmos aussetzen!
Und endlich sind Reproduktions- und Gentechniker die nicht nur
uneingeschränkten, sondern schon gottebenbildlichen, allmächtigen Herren der
Sch®öpfung, die sich und ihre Allmacht gentechnisch weiter so perfektionieren, daß
keine Frau mehr Zuwendung und Einfühlung verweigern und Nähe, Zuwendung und Einfühlung
nur für sich beanspruchen kann. (Böse, böse. Ich weiß.)
Aber diese Horrorvision treibt bloß auf die Spitze, was in die Augen
springt: in welchem Paralment der Welt sind je ein Drittel der Sitze für Frauen und
Kinder reserviert? Und wer kennt die mehr oder weniger abfällige Rede von der
"Quotenfrau" oder den Vorrang der sogenannten "Sachkompetenz" -
vor der Lebens- und Sozialkompetenz! - nicht?
Dies ist zweifelsfrei eine weitere Komponente des Teufelskreises in der
Weltgestaltung (4), die aber schon seit mehreren Jahrtausenden zu beobachten ist und
seither kompetente Vertretung der Interessen neuen Lebens aus der Gestaltung von Welt,
Lebensbedingungen und Alltag ausschließt - und damit auch das Interesse neunen Lebens an
ungestörter psychischer Entwicklung, an der Optimierung der Lebensbedingungen für die
Entfaltung von Zuwendung und Einfühlung. Ein Wunder, daß Zuwendung und Einfühlung
- wenn überhaupt noch - schon lange jämmerlich schlechte Karten hat?
Wie's uranfänglich dazu kam muß hier nicht geklärt werden. Aber die
Katholiken haben Anlaß darüber nachzudenken, ob nicht die Hexenverbrennung diesen
Teufelskreisen angehört, und die Protestanten, ob und wie der Auschluß der
Marienverehrung ein Teil der Teufelskreise ist. Schon vor 250 Jahren - der letzte
Scheiterhaufen war noch warm - dachte bei der Ausgestaltung der Birnauer Basilika der
Schöpfer des Deckenfreskos möglicherweise darüber nach, was denn an der Darstellung der
Frau in der Apokalypse, wie Dürer sie bibelgetreu verbildlicht hat, diesen Teufelskreisen
angehören könnte .... und schuf eine .
Es ist wie mit Händen zu greifen: dieses psychokulturelle Grundmuster
und die sich selbst verstärkenden Teufelskreise, in die es führt, sind nicht
zukunftsfähig. Die Gier nach und Abhängigkeit von den Surrogaten/Kompensaten mangelnder
Zuwendung und Einfühlung und die Gier nach Überlegenheit und Allmacht, die hilft, ein
Maximum an Surrogaten/Kompensaten anzuhäufen, sind die Motoren des Raubbaus an den
Lebensgrundlagen aller. Deshalb ist es unumgänglich, sie zu überwinden. Dies aber
erfordert, kollektiv falsche Gefühle zu überwinden, nämlich die Gier nach Kompensaten
des Zuwendungs- und Einfühlungsmangels und nach Überlegenheit und Allmacht. Wer eine
Psychotherapie hinter sich hat oder sich etwas auskennt, weiß, welch gewaltige
Anstrengung das ist.
Das Tabu
Die kollektive Amnesie der ersten Lebensjahre, die sich teils der
Unverträglichkeitt frühkindlicher Ein-Drücke mit den Wahrnehmungs- und
Bewußtseinsformen der Erwachsenen verdankt (Spitz, Piaget, Jacobson, Mahler), teils aber
auch der Abwehr jener Ohnmachtserfahrungen, die dem Mangel an Zuwendung und Einfühlung
entstammen, ist die Basis dieses Tabus.
Aber dieses psychokulturelle Grundmuster und die Teufelskreise, in die
es führt, sind eben auch Motor der Wirtschaft und das Fundament der
Wachstumsideologie. Und deshalb sind sie auch ideologisch tabu.
Der Attraktor der Teufelskreise
Nichtlineare Entwicklungen
Biologistischer und genetischer Determinismus befestigen nun das Tabu,
in dem sie von den eigentlichen Ursachen der wachsenden Problemflut ablenken: sie ersparen
die Einsicht, mit liebgewordenen Gewohnheiten und sozial legitimierten
Allmachtsphantasien und hoch bewerteten Verhaltensmustern selbst die Problemflut zu
erzeugen, und entlasten von der Verantwortung für die bedrohlichen Folgen. Wir können
nicht anders, es liegt in den Genen. Der Ausweg ist die Gentechnik, die gentechnische
Selbstperfektionierung der Eliten, an deren Wesen die Welt genese ..... Heil "life
science"!
Gegen diesen neuen Mythos kann wegen seiner entlastenden Funktion am
besten Widerstand geleistet werden, wie es die Griechen gezeigt haben: mit den Mitteln des
Mythos. Dies wäre aber schon die Kommunikation des Aufklärungsergebnisses.
Die Kirchen sind herausgefordert, den Beitrag christlicher Religion zu
den Teufelskreisen zu überwinden. Das kann mit einer gründlichen Besinnung auf die
Genesis und die Apokalypse anfangen, sozusagen vom "Sündenfall" über die
Nichtbeachtung Kains und den Babylonischen Turm zu Babylon und den Königen und Kaufleuten
die mit ihr und dem Mammonismus hurten. Dabei müßten sie sich einige kritische Fragen
zur nichtbeachtung Kains, der Herkunft und den Inhalten der apokalyptischen
Weltuntergangsbildern, der apokalyptischen Frau und ihrem Sohn und den Zahlenspielen um
"dreieinhalb Zeiten" gefallen lassen.
Man wird auch einen Teil der Firmen überzeugen müssen, daß es sehr
profitabel sein könnte, Werbekonzepte und die Inhalte ihrer Botschaften auf den
herannahenden Attraktorwechsel einzustellen (dabei muß man ja nicht laut sagen, daß das
eher dazu dienen soll, ihn herbeizuführen)