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Kapitel I: Einleitung

Grundlagen, Definitionen, rechtlicher Rahmen, Methoden ?

In den letzten 100 Jahren haben die Entdeckungen in der Biologie - wie auch die in anderen Naturwissenschaften - rasante Fortschritte gemacht. Nachdem die DNA als Träger der Erbinformation entdeckt und das genetische Alphabet (genetischer Code) entschlüsselt wurde, konnten Anfang der siebziger Jahre die ersten gentechnischen Experimente durchgeführt werden. Die Gentechnik wird als "die gezielte Veränderung und Neukombination (Rekombination) von genetischem Material (überwiegend der Nukleinsäure DNA) sowie das Einschleusen und Vermehren neu kombinierter (rekombinanter) DNA in lebende Zellen" definiert (GBF o.J.). Mit der Gentechnik kann das Erbmaterial von Organismen isoliert und Teile davon in andere Organismen übertragen werden, was zu bislang nicht vorhandenen Kombinationen des genetischen Materials führen kann. Da das Erbmaterial bei allen Lebewesen, ob Menschen, Tiere, Pflanzen oder Mikroorganismen, nach dem gleichen Code aufgebaut ist, läßt sich Erbmaterial grundsätzlich beliebig über Artgrenzen hinweg neu kombinieren. Im Unterschied zur klassischen Züchtung kann menschliche DNA in Bakterien oder pflanzliche DNA in Tiere eingebaut werden. Bakterienzellen können Humanproteine produzieren, die sie normalerweise niemals herstellen würden und auch nicht gebrauchen könnten. Die DNA trägt in vielen kleinen Abschnitten die Information für die Eiweiße oder Proteine, die beim Aufbau und beim Stoffwechsel der Organismen die zentrale Rolle spielen. Vereinfacht stellt jeder Abschnitt auf der DNA, der in ein Protein übersetzt werden kann, ein Gen dar. Als Beispiele seien Gene genannt, die die Erbinformation für Proteine wie menschliches Insulin, pflanzliche Speicherproteine oder bakterielle Antibiotikaresistenzen tragen.

Aufgrund der Universalität des genetisches Codes hat die Gentechnik in fast alle biologische und medizinische Disziplinen Einzug gehalten. Die Gentechnik wird insbesondere auch in der Grundlagenforschung zur Struktur- und Funktionsanalyse der Erbinformation eingesetzt.

Hierzu gehört die reine Erfassung von Teilen oder der Gesamtheit der Erbinformation eines Organismus durch die Sequenzierung. Als Modellorganismen dienen hier z. B. die Bäckerhefe und der Mensch. Für den Menschen wird der Abschluß der Sequenzierungsarbeiten noch vor 2005 erwartet.

Als zweiter Schritt wird die genaue Lokalisierung der Gene als Funktionseinheiten auf der DNA vorangetrieben. Hierzu gab es in der jüngeren Vergangenheit fast täglich Berichte in den Medien, z. B. zur Isolierung und Kartierung von Genen, die mit der Alzheimer-Krankheit, dem Alkoholismus oder der Schizophrenie in Verbindung gebracht werden. Auch im tierischen, pflanzlichen und mikrobiellen Bereich gehört die Genkartierung inzwischen zu den Standardmethoden. Sind die Gene bekannt, kann deren Veränderung relativ einfach durch sog. Gensonden nachgewiesen werden. Verschiedene vererbbare Krankheiten können so diagnostiziert werden. In den letzten Jahren wurde insbesondere im humanen und tierischen Bereich eine Vielzahl solcher Gensonden als Diagnostika hergestellt. Dabei wird heftig diskutiert, inwieweit erbliche Faktoren für bestimmte Eigenschaften verantwortlich sind oder Praedispositionen darstellen können.

In einem weiteren Schritt sollen Therapeutika für die erblich bedingten Krankheiten hergestellt werden. Dies können zum einen herkömmliche Therapeutika sein. Dies können andererseits aber auch die intakten Gene selbst sein, die mittels somatischer Gentherapie in den (menschlichen) Organismus eingeschleust werden. Die somatische Gentherapie soll insbesondere für den Menschen Anwendungsgebiet werden, ist aber über die Grundlagenforschung bisher mangels echter Erfolge nicht hinausgekommen.

Der letzte Schritt in dieser Reihe ist die Keimbahntherapie, die derzeit am Menschen noch nicht praktiziert wird und in vielen Staaten mehr oder weniger verboten ist. Auch wären die direkten Risiken durch Fehler bei dieser Methode außerordentlich groß und in der Regel unumkehrbar. Mit der Veränderung der Keimbahn könnten aber, so die Überlegung, nicht nur Fehler korrigiert werden, sondern es könnten auch gezielt veränderte Genen oder zusätzliche Gene aus anderen Organismen mit neuen Eigenschaften eingeführt werden.

Nachdem verstärkt seit den 80er Jahren Mikroorganismen auf vielfältigste Art und Weise gentechnisch verändert werden, um z. B. Medikamente, Waschmittelenzyme, Lebensmittelzusatzstoffe neu oder preiswerter herstellen zu können, ist seit Beginn der 90er Jahre das Gebiet der Pflanzengentechnik stark in den Vordergrund gerückt. Hier geht es insbesondere um die Einführung von Resistenzen gegen Herbizide, Schadinsekten oder Schadmikroorganismen, aber auch um die Veränderung von Inhaltstoffen wie z. B. die Veränderung von Fettsäuren in Raps. Sowohl in der Pflanzen- als auch in der Nutztierforschung geht es darüber hinaus um Leistungssteigerung. Die Forschungsfelder richten sich zunehmend nach dem kommerziell interessanten Fragestellungen aus.

Forschung, die der Abschätzung von Risiken und Folgen dient, wie z. B. bei der Freisetzung von gentechnisch veränderten Kulturpflanzen, findet kaum statt. Auch die Alternativforschung z. B. im ökologischen Bereich wird wenig unterstützt. Die Gentechnik scheint zunehmend Reputation zu erlangen, was sich darin ausdrückt, daß Forschungsanträge in der Biologie und Medizin ("Life Sciences") ohne Gentechnik nur wenig Erfolgsaussichten haben und daß inzwischen viele Nobelpreise für wissenschaftliche Neuerungen auf diesem Gebiet vergeben werden. In diesem Zusammenhang muß auch der bundesweite BioRegio-Wettbewerb gesehen werden.

Aufgrund der oben dargelegten Vielseitigkeit hat kaum ein anderes Gebiet der Naturwissenschaften die breite Öffentlichkeit in der jüngeren Vergangenheit so beschäftigt und bewegt wie die Gentechnik.

Die Gentechnik ist mit ihrer "Eingriffstiefe" (räumlich und zeitlich) vergleichbar mit der Atomtechnik, die an die atomaren Grundlagen aller physikalischen Prozesse rührt, andererseits auch mit Verfahren der synthetischen Chemie, die die molekularen Grundlagen aller Stoffe und Verbindungen zum Forschungsgegenstand hat. Mit der enormen "Eingriffstiefe" und der damit abnehmenden "Fehlerfreundlichkeit" aber werden technische Risiken bestimmt und diese Techniken gleichsam als "Risikotechnologien" identifiziert (v. Gleich 1996). Alle drei Techniken haben die "Wirkmächtigkeit" gemeinsam, die es uns derzeit unmöglich macht, die Folgen ihrer Anwendung ausreichend zu überblicken. Gleichzeitig geht die Gentechnik darüber hinaus, da sie nicht nur die abiotischen Grundlagen, sondern die Grundlagen des Lebens selbst verändert.

B i o t e c h n o l o g i e

Definitionen

Klassische Biotechnologie, z. B. großtechnische Nutzung von Mikroorganismen, Zell- und Gewebekulturen

Gendiagnose: Analyse des Erbgutes ohne dessen Veränderung

Gentechnik: z. B. gezielte Veränderung des Erbgutes, Gentherapie

Reproduktionsmedizin, z. B. Pränataldiagnostik, in vitro Fertilisation, Klonierung

neue Methoden der Pflanzenzüchtung, z. B. Protoplastierung, markergestützte Selektion

 

Die Biotechnologie stellt den Oberbegriff für die bereits oben dargestellte Gentechnik und die nachfolgend definierten Technologien dar. Neben Mikroorganismen (z. B. Bakterien oder Pilze) werden heute auch pflanzliche, tierische und menschliche Zellen oder deren Bestandteile (z. B. Enzyme) in großtechnischem Maßstab zur Herstellung von Produkten genutzt. Erst die Gentechnik ermöglicht es jedoch, in diesen Organismen (fast) beliebige artfremde Proteine zu synthetisieren.

Bei der (klassischen) Biotechnologie werden schon seit Jahrtausenden Gärprozesse bei der Weinproduktion oder der Herstellung von Sauerteig eingesetzt. Hierbei handelt es sich nicht um Gentechnik, denn davon hatten die Ägypter noch keine Ahnung. Zwar nutzten sie die Eigenschaften von Mikroorganismen, die auch heute noch die Bierbrauer und Weinproduzenten bei den der Alkoholproduktion zugrunde liegenden Gärpozessen unterstützen, aber sie kannten weder deren Erbinformation, noch veränderten sie diese.

Die Reproduktionstechnik stellt eine weitere "Fortschrittstechnik" der sog. Life Sciences dar. Die Verschmelzung von Ei- und Samenzellen außerhalb des Körpers im künstlichen Milieu eines Reagenzglases mit der anschließenden Rückübertragung der sich entwickelnden Embryonen in die Gebärmutter der Eispenderin (oder einer Ammenkuh oder einer Leihmutter) hat mit der Gentechnik ebenfalls nichts zu tun. Auch die Verfahren der "Klonierung" (z. B. an Schafen oder Kühen) sind der Reproduktionstechnik zuzuordnen. Allerdings lassen sich die Techniken der Reproduktions- und Gentechnik verbinden. So sind - jedenfalls bei Nutztieren - vor Eintreten der embryonalen Entwicklungsstadien Genmanipulationen möglich und - z. B. zur Wachstumsförderung von Schweinen mittels eines humanen Wachstumshormongens - eingesetzt worden.

Ein vierter wichtiger Bereich innerhalb der Biotechnologie betrifft die neuartigen Methoden der Pflanzenzüchtung. Die Zellen zu kreuzender Pflanzen können dabei mittels Enzyme ihrer Zellwände entledigt werden, so daß die nackten einzelnen Zellen (Protoplasten) direkt verschmolzen und zu neuen, vollständigen Pflanzen auf speziellen Hormonmedien regeneriert werden können. Auch hier können die einzelnen Zellen vor der Verschmelzung durch die Gentechnik verändert werden.

 

Der gesetzliche Rahmen für die Gentechnik wurde auf EU-Ebene 1990 vorgegeben und in Deutschland mit dem Gentechnikgesetz geschaffen. Veränderungen dieses Rahmens hat es gegeben und weitere sind zu erwarten. Grundsätzlich sind die gentechnischen Anlagen mit den darin durchgeführten gentechnischen Arbeiten getrennt geregelt von den Freisetzungen und dem kommerziellen Inverkehrbringen gentechnisch veränderter Organismen (GVO).

Zwar müssen in Deutschland alle GVO, die nicht für die Freisetzung zugelassen sind, in gentechnischen Anlagen verwahrt werden, gleichzeitig darf ein nicht unbedeutender Teil der GVO aus Anlagen ohne Inaktivierung - also vermehrungsfähig - in die Umwelt entlassen werden. Die Bearbeitungsfristen der Anmelde- und Genehmigungsanträge wurden bereits stark gekürzt. Auf EU-Ebene wurde die Möglichkeit eröffnet, Organismen ganz aus dem Regulierungsbereich herauszunehmen. Die Sicherheitsbewertung orientiert sich stärker an Aspekten der Human- und Tierpathogenität als an deren Umweltverträglichkeit. In Deutschland gibt es mehrere tausend gentechnische Anlagen. Inzwischen wurden hunderte Freisetzungen genehmigt, überwiegend nach dem sogenannten vereinfachten Verfahren.

Für GVO, die in den Verkehr gebracht werden sollen, kann eine europaweite Genehmigung erwirkt werden. Bisher waren Genehmigungsversagungen die Ausnahme obwohl viele GVO Resistenzgene gegen Antibiotika tragen.

 

Kapitel II: Ethik

Immer wieder hat die Geschichte des technischen Fortschritts bei vielen Menschen die Frage ausgelöst: "Dürfen wir alles, was wir können?"

Angesichts der ungeheuren Eingriffsmöglichkeiten der Gentechnologie in alles Lebendige hat die Frage einerseits eine neue Dringlichkeit bekommen, andererseits stößt die Skepsis vielfach auf taube Ohren, weil die geweckten Hoffnungen allzu verlockend sind und weil Wirtschaft und Politik größte Erwartungen in sie setzen.

Das Gewissen der Gesellschaft wird an sog. "Ethikkommissionen" delegiert, die mit schöner Regelmäßigkeit einige Jahre dem "Stand der Forschung" hinterherhinken.

Während so die praktische Vernunft mit der Frage "Was soll ich tun?" der technischen Vernunft mit der Frage "Was kann ich tun?" hinterherläuft, hat sie keine Chance, den wachsenden Möglichkeiten neuer Technologien Einhalt zu gebieten.

Während das Erforschen der eigenen Biologie die Menschen immer mehr erkennen läßt, wie sehr sie selbst Natur sind und wie wenig Erbinformation sie von anderen Tieren unterscheidet, eröffnen sich Manipulationsmöglichkeiten in einem bisher unbekannten Ausmaß. Während der Mensch sich auf der Erkenntnisebene immer enger in die Naturgeschichte einreiht, tritt er auf der Handlungsebene aus ihr heraus und nimmt sie selbst in die Hand. Die Firma "AgrEvo" (Tochter von Hoechst/Schering) hat dieses Programm zum Namen gemacht: Agrar-Evolution. Die chemische Industrie ergreift die Macht über die Evolution. Durch das Überschreiten der Artgrenzen und durch den enormen Zeitraffer, den die Gentechnik in die Selektionsmethoden der Evolution einführt, macht der Mensch "Rührei aus der Naturgeschichte" (Peter Wills). Die Selbstregulationsmechanismen der Natur, die Selektion im Verlauf vieler Generationen, die Anpassungsprozesse an unterschiedliche Lebensbedingungen werden durch immer schnellere Manipulationen nach kurzfristigen Nützlichkeitsaspekten der Menschen außer Kraft gesetzt.

Dabei macht sich ein neues deterministisches Weltbild breit. Die Erklärung von Lebensprozessen durch die Betrachtung ihrer genetischen Bestimmung reduziert komplexe Prozesse auf einen isolierten Aspekt. Bereits heute zeichnen sich Entwicklungen ab, daß Gentechnik entgegen den Erkenntnissen der Biologie und der sozialwissenschaften Umgebungseinflüsse wie z.B. Ortseigenschaften und soziale Probleme biologisiert und die Ursachen ihrer Wirkungen in den Molekularbausteinen des Lebens sucht. So werden Gene für Alkoholismus, Homosexualität, gute Laune, Depressionen und viele komplexe Krankheitsbilder gesucht und angeblich gefunden.

Ob man es eingesteht oder dementiert: mit den Diagnose- und den Eingriffsmöglichkeiten in das menschliche Erbgut öffnet sich ein Faß ohne Boden mit im Einzelfall äußerst schwierig zu entscheidenden Fragen. Welches Leben lebenswert ist, steht immer deutlicher zur Debatte und nicht nur Behindertenorganisationen fürchten eine Erosion des Begriffs der Würde des Menschen.

Spätestens durch die Fortschritte in der Technik der Klonierung steht ein Grundbegriff unseres kulturellen Erbes in Frage, der des Individuums. So wie das Atom längst nicht mehr das Unteilbare ist, ist auch das In-Dividuum zu einem Dividuum, einem Teilbaren geworden.

Ein bisher kulturkritisch denkender Philosoph, Peter Sloterdijk, beginnt bereits ein "Expertenkönigtum" zu imaginieren, in dem ein Überhumanist das gentechnische "Züchtungs- und Klonprogramm" für eine Elite bestimmt, an deren neuem Wesen der Rest der - trotz humanistischer Bildung bestialisierten - Welt genese ...

Wenn die "Expertenkönige" in Zeiten zunehmend privatisierter oder drittmittelfinanzierter Forschung an wenige global agierende Konzerne gebunden sind, wird wohl eher ein Übermammonist im Schafspelz des Überhumanisten Züchtungs- und Klonprogramm für Eliten bestimmen....

In seinem Buch "Prinzip Verantwortung" hat Hans Jonas, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, deutlich gemacht, wie sehr gegenwärtiges Handeln durch die ungeheuren technischen Möglichkeiten in die Überlebensbedingungen künftiger Generationen eingreift und wie das bisher unhinterfragte Subjekt jeder Ethik, nämlich der Mensch, selbst zum Objekt seiner Technik wird, letztlich mit der Perspektive der Veränderung der eigenen Gattung. "Ob wir dazu das Recht haben, ob wir für diese schöpferische Rolle qualifiziert sind, ist", so Hans Jonas, "die ernsteste Frage, die dem plötzlich im Besitz solch schicksalhafter Macht sich findenden Menschen gestellt sein kann." (S.53)

Das Prinzip der Fürsorge für die nachfolgenden Generationen hat durch Jonas Eingang in die Technikbewertung gefunden. Unter dem Leitwort "Zukunftsfähigkeit" ist es zu einem bestimmenden Prinzip für die Arbeit des BUND geworden. Die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" sieht in den vielerorts gehegten Hoffnungen auf die Bio- und Gentechnologie ein "Beispiel für das lineare Denken - oder besser für die Mißachtung möglicher Vernetzungen". Sie kommt zu dem Schluß: "Niemand weiß heute, welche Veränderungen die menschlichen Eingriffe in den globalen Genpool nach sich ziehen werden... Unter dem Aspekt der individuellen, nationalen und globalen Vorsorge sind gentechnologischen Methoden nicht vereinbar mit zukunftsfähiger Landwirtschaft und Ernährung ."(S.245f)

Diese Einschätzung wird von weiten Teilen der Bevölkerung geteilt. Die Mehrheitsmeinung wird allerdings gründlich mißachtet. Freisetzungen werden genehmigt, Produkte zugelassen, Genehmigungsverfahren vereinfacht, obwohl all das bereits abgelehnt wird. Und obwohl sich gerade im medizinischen Bereich die drängendsten ethischen Probleme stellen, wird gerne so getan, als sei die sogenannte "rote Gentechnik" die unproblematische, weil ihr Nutzen leichter zu vermitteln ist.

Die Bedenken vieler Menschen sind durchaus grundlegender Art. Weil Gentechnik in die Grundstrukturen des Lebens eingreift, sehen viele ihre Wertvorstellungen berührt, so zum Beispiel viele religiöse Menschen ihre Auffassung von der Welt als Schöpfung. Die gewachsene Einsicht in die Kehrseite des technischen Fortschritts sollte vor der Hybris der Macher warnen. Angesichts der Eingriffstiefe der Gentechnik gewinnt die Frage "Dürfen wir, was wir können?" eine neue Schärfe. Aber immer noch hinkt die ethische Frage als ungeliebte Bedenkenträgerin dem Machbarkeitswahn hinterher.

BUNDforderungen

Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion über Auswirkungen des Einsatzes der Gentechnik. Die Ängste und Bedenken der Menschen müssen dabei ernst genommen werden. Die derzeitige Werbung mit nicht einlösbaren Versprechungen der Gentechnik muß aufhören.

Ethik-Kommissionen dürfen nicht zu nachträglichen Absegnungsinstanzen des jeweiligen Standes der Technik verkommen. Forschung braucht ethische Vorgaben. In den Kommissionen muß ein möglichst breites Spektrum gesellschaftlicher Gruppe einbezogen werden.

Eingriffe in Mensch und Natur, die einen nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichten, müssen unterbleiben.

Wissenschaft und deren Anwendung müssen so fehlerfreundlich sein, daß Fehler gemacht werden dürfen und es muß die Möglichkeit bestehen, aus ihnen zu lernen und das Handeln zu korrigieren. Daher dürfen keine Entscheidungen getroffen werden, bei denen irreversible Folgen nicht ausgeschlossen werden können..

 

Kapitel III: Landwirtschaft

< Kurzfassung   < Zusammenfassung

Die grundlegende Richtungsfrage, die in der allernächsten Zeit für die Landwirtschaft in den Industriestaaten aber auch in der ganzen Welt beantwortet werden muß, stellt sich wie folgt: Soll der derzeitige Prozeß der Ertragssteigerung, der durch zunehmende Monokulturen, zunehmende Konzentration auf immer weniger Sorten, Linien und Rassen und zunehmende Bodenverschlechterung ermöglicht wird, so weitergehen? Oder ist ein Umsteuern in Richtung einer Ökologisierung des gesamten Landbaus sinnvoll, ja sogar notwendig? Bedeutet die Abkehr von der Ertragsteigerung eine gefährliche Lebensmittelunterversorgung von vielen Menschen oder bekommen die Lebensmittel sowieso nur diejenigen, denen sie nicht von bereicherungswütigen Eliten und Regimen vorenthalten werden? Kann die Gentechnik das Verteilungsproblem weltweit lösen? Kann sie die Wüstenbildung und Zersiedelung des Ackerlandes aufhalten oder verhindern? Die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland sieht dies so: "Pflanzen und Tiere sollen trotz längst vorhandener Überschüsse immer höhere Erträge und Leistungen bringen. ...Hochleistungssorten aus den Genlaborts der chemischen Industrie sollen die Abhängigkeit der Bauern von der Agrochemie festschreiben und neue Monopolstrukturen aufbauen helfen." Sieht so die Zukunft der Landwirtschaft aus?

Herbizidresistenz

Bei der Resistenz gegen Herbizide sind Einsatz, Freisetzung und Zulassung gentechnisch veränderter Organismen am weitesten fortgeschritten. Es geht jeweils um die Erweiterung des Anwendungsbereichs eines schon vorhandenen Herbizids. Nutzpflanzen, die bisher selbst durch die Verwendung des Totalherbizids vernichtet worden wären, können nun mit Hilfe einer gentechnischen Veränderung gegen dieses Gift resistent gemacht werden. Dieses Verfahren liegt der aus den USA auf den europäischen Markt gelangten sog. Gen-Soja zugrunde, die rsistent gegen das Monsanto-Herbizid Roun-up mit dem Wirkstoff Glyphosat ist, ) wie auch den Pflanzen, die gegen BASTA (neuerdings "Liberty", Wirkstoff Glufosinat) der Hoechst/Schering-Tochter AgrEvo resistent sind. Die große Mehrheit der in Deutschland und weltweit bis 2000freigesetzten und angebauten transgenen Pflanzen sind herbizidresistent, vor allem Raps, Mais und Zuckerrüben, Soja und Baumwolle..

Mathematische Taschenspielertricks

Die Verkündung Monsantos einer Herbizideinsparung von bis zu 39 % durch RoundupReady-Soja erweist sich bei näherem Hinsehen als Vergleich von Äpfel mit Birnen. Die Berechnungen der bis heute geheimen Originalstudie - eine Umfrage unter US-Landwirten im Auftrage der Firma Monsanto, von der nur eine deutsche Zusammenfassung herausgegeben wird - müssen als irreführend eingestuft werden. Während Monsanto behauptet, erst durch die Herbizidresistenz im Sojaanbau eine ökonomisch und ökologisch sinnvollere Unkrautkontrolle mit geringerem Wirkstoffeinsatz im Nachauflauf zu ermöglichen, existieren solche Spritzsysteme bereits jetzt. Eines der vier Vergleichssysteme besteht laut Auskunft des Leiters der Öffentlichkeitsarbeit von Monsanto Deutschland, Helmut Wagner, aus einer reinen Nachauflaufspritzung mit den Herbiziden Classic, Pinnacle, und Assure II (insg. 70 g Wirkstoffe pro ha), während Monsantos RR-Soja mit 880 bis 1000 g Glyphosat pro ha besprüht werden muß. Da zudem diese Vergleichswirkstoffe des Konkurrenten DuPont deutlich schneller abgebaut werden als Glyphosat, muß die Einführung des RoundupReady-Systems in Bezug auf die ökologische Belastung als technischer Rückschritt gewertet werden. Monsanto rechnet die Vorteile des schon jetzt existierenden konventionellen Nachauflauf-Systems weg, indem ein Durchschnittswert aus den vier völlig verschiedenen Vergleichssystemen angegeben wird.

 

Am Beispiel der Herbizidresistenz wird besonders deutlich, daß hier Gentechnik keine Antwort auf ein Problem der Landwirtschaft ist, sondern ein Baustein in der Vermarktungsstrategie der Agrochemie. Geworben wird mit der angeblichen Umweltfreundlichkeit, doch mit diesem Argument wurde auch bei anderen Herbiziden solange geworben, bis die umwelt- und gesundheitsschädlichen Effekte nicht mehr zu leugnen waren und die Präparate verboten (z.B. Atrazin und Bromoxinyl) oder ihre Anwendung eingeschränkt wurde. Aber auch bei den neuen Totalherbiziden "Liberty" und "Round up", die unterschiedslos alle Pflanzen bis auf die gentechnisch resistent gemachte vernichten sollen, sind seit Testbeginn zunehmende Schwierigkeiten aufgetreten. Zum Teil machen sich Problem- und Wurzelunkräuter auf der ausgeräumten Fläche besonders breit, so z.B. die Hundspetersilie. Die Hersteller räumen ein, daß sowohl das Herbizid als auch die herbizidresistenten Pflanzen in wenigen Jahren ihre Anwendbarkeit verlieren, weil auch die bekämpften Wildkräuter Resistenzen erwerben (über Raps) oder Durchwuchs herbizidresistenter in späteren Fruchtfolgen zusätzlichen Einsatz weiterer Herbizide verlangt. Außerdem werden die Wirkstoffe bereits im Gewässern nachgewiesen; toxische Wirkungen auf Bodenorganismen, Wassertiere und Säuger wurden bekannt. Ein weiterer Verlust der Artenvielfalt von Wildkräutern und der davon lebenden Tierwelt ist zu befürchten.

Inzwischen wurde eine solche Herbizidresistenz auch konventionell gezüchtet: Gentechnik erweist sich bei diesem ohnehin fragwürdigen Ziel als überflüssig.

Resistenz gegen Schadorganismen

Pflanzen sollen resistent gemacht werden gegen diverse Krankheitserreger und Schädlinge. Bereits seit 1998 ist eine Maissorte auf dem europäischen Markt, die gegen den Maiszünsler resistent sein soll. Hier wurde der Pflanze ein Gen aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt-Toxin) eingebaut (s. Kasten).

Zuckerrüben sollen gentechnisch resistent werden gegen Rhizomania (Wurzelbärtigkeit), Kartoffeln gegen Erkrankungen wie Naßfäule und Schwarzbeinigkeit und gegen Schadorganismen wie Pilze und den Rollblattvirus. Die meisten dieser Krankheiten haben ihre Ursache jedoch darin, daß die Pflanzen an ungeeigneten Standorten angebaut werden, daß zu enge Fruchtfolgen üblich sind oder daß in Monokulturen angebaut wird. Die gentechnische Veränderung der Pflanzen erscheint hier als ein Versuch, die Irrwege der Landwirtschaft abzumildern, statt aus ihnen zu lernen und sie zu verlassen .

Daß die Gentechnik selbst ein solcher Irrweg sein könnte, zeigt sich an dem Versuch, bei Zuckerrüben gentechnisch eine Rhizomania-Resistenz zu erzeugen: auf dem Wege herkömmlicher Züchtung gelang das schneller und stabiler! Auch hier erweist sich Gentechnik als überflüssig.

"Bt"

Bt-Toxine zerstören die Darmwände von jeweils bestimmten Schadinsekten und wirken damit relativ spezifisch.. Sie werden daher auch im ökologischen Landbau kleinflächig und zeitlich begrenzt angewendet. Genmanipulierte Pflanzen, die Bt-Toxine zeitlich unbegrenzt produzieren, sollen großflächig angebaut werden. Dennoch wird von den Gentechnikbefürwortern behauptet Schädlingsbekämpfungsmittel würden eingespart. Sie meinen das sichtbare Spritzen von Isektiziden.

Was auf den ersten Blick so verführerisch aussieht, birgt jedoch ökologische Gefahren.

Zum einen ist zu befürchten, daß das gentechnisch eingebaute Bt-Toxin schnell wirkungslos wird, weil die Insekten bei großflächigem Dauereinsatz Resistenzen gegen das BT-Toxin entwickeln. Dadurch würde auch dem ökologischen Anbau eine bisher wirksame Form der Insektenbekämpfung zerstört. Zusätzlich wirkt der derzeitige gentechnische Bt-Wirkstoff offenbar als Breitband-Toxin und nicht mehr selektiv auf einzelne Insektenarten.

So wurde insektenresistente Baumwolle im Süden der USA trotz der gentechnischen Veränderung vom Bollwurm verspeist, entweder, weil der Bollwurm bereits resistent geworden war oder, weil das Genkonstrukt aufgrund von Umwelteinflüssen versagte.

In einer Schweizer Untersuchung wurde belegt, daß der Bt-Mais von Novartis nicht nur den Maiszünsler, sondern auch die nützlichen Florfliegen vergiftet. Florfliegenlarven kamen um, als sie mit Maiszünslerlarven gefüttert wurden, die zuvor den genmanipulierten Bt-Mais gefressen hatten. Da die Pflanze die Resistenz dauernd ausprägt, gelangt das Gift intensiver in die Nahrungskette.

Wenn das Bt-Toxin, das genmanipulierte Pflanzen produzieren, die natürlichen Feinde der bekämpften Schädlinge schädigt, dann zerstören genmanipulierte Bt-Pflanzen nicht nur ökologische Zusammenhänge, sondern erzeugen dadurch auch eine dauerhafte Abhängigkeit der Landwirtschaft von Chemie oder Gentechnik. Wenn die Produktion von Bt-Toxinen durch genmanipulierte Pflanzen auf Wildpflanzen auskreuzt, beschleunigt sich sowohl die Zerstörung ökologischer Zusammenhänge, die Abhängigkeit der Landwirtschaft als auch die Wirkungslosigkeit der bt-Toxine progressiv. Das Ergebnis ist irreversibel: Die Ausrottung natürlicher Feinde von Schadinsekten erzwingt nun den Einsatz neu zu erfindender Mittel gegen inzwischen bt-resistente Schadinsekten. Reichlich ratlos, verlegen und grotesk irrational empfehlen die Hersteller zur Verhinderung dieser drohenden Entwicklung die "Züchtung" nicht-Bt-resistenter Schadinsekten durch den parallelen Anbau herkömmlicher Pflanzen, die keine Bt-Toxine. Produzieren.

Maßgeschneiderte Inhaltsstoffe bei Pflanzen

Ein stetig wachsender Anteil der Versuche befaßt sich mit der Veränderung der Inhaltsstoffe der Pflanzen in derzeit zwei großen Anwendungsbereichen. Zum einen sollen maßgeschneiderte "nachwachsende Rohstoffe", die eine industriellen Verwertung der Pflanzen ermöglichen sollen, mit gentechnischen Methoden herstellbar werden. Für unterschiedliche Zwecke soll es z. B. passende Öle aus Raps geben. Bei Kartoffeln und Mais wird an unterschiedlichem Aufbau der Stärke gearbeitet, um günstige Ausgangsstoffe zur Herstellung von Verpackungsmaterial, Folien etc. zu bekommen. Zum zweiten sollen Lebensmittel mit Zusatzfunktionen, sog. "Health Food", "Functional Food" und "Nutraceuticals" entwickelt werden. Vor allem im zuletzt genannten Bereich erhofft man sich eine größere Akzeptanz seitens der Verbraucherinnen und Verbraucher. (siehe Kapitel Lebensmittel)

Streßresistenz

Seit Jahren wird an der Anpassung von Kulturpflanzen an negative Umweltbedingungen (Salz, Kälte, Hitze, Trockenheit, UV-Licht und Ozon) gearbeitet. Die Streßresistenzen von Pflanzen sind allerdings so komplex, daß mit einer schnellen Lösung nicht zu rechnen ist.

Weiter versucht man, Gensequenzen bei Pflanzen auszuschalten, die allergene Eiweiße produzieren, allerdings bisher ohne durchgreifenden Erfolg. Außerdem sollen Gift- und Bitterstoffe ausgeschaltet und andere Geschmacksstoffe verstärkt werden.

Ganz neue Märkte erhofft man sich durch sogenannte "Plantaceuticals" zu erschließen. Impfstoffe und andere Medikamente sollen durch gentechnisch veränderte Pflanzen produziert werden und dann durch Lebensmittel in großem Stil verabreicht werden. Gleichzeitig spekuliert man auf verbesserte Akzeptanz, wenn die sog. "Grüne" Gentechnik mit Gesundheit in Verbindung gebracht wird.

Im kommerziell hochinteressanten Feld der Zierpflanzenzüchtung geht es wie bei den übrigen Pflanzen um Resistenzen gegen Schädlinge, aber auch um neue Farben und Formen. Es fehle an einer haltbaren blauen Blüte für Blumenarrangements, und blau sei derzeit eine Modefarbe, so der Kommentar zu einer Kreation aus dem Genlabor.

[Terminatortechnologie]

Zur Unterbindung des Nachbaus wurde die sogenannte "Terminatortechnik entwickelt: eingefügte Gene verhindern, daß Samen unter natürlichen Bedinungen von selbst keimt. Erst eine chemische Behandlung des Samens aktiviert dessen Keimfähigkeit. Diese Entwicklung ist ein Irrweg: sie zielt offen auf die Abhängigkeit der ganzen Landwirtschaft von den Gentechnik-Konzernen ab und gefährdet die gesamte Vegetation: Auskreuzung der Sterilitätsgene führt in die Selbstausrottung aller Wildpflanzen. Auskreuzungen in Nachbaukulturen sind aggressive Übergriffe in Rechte und Eigentum von Landwirten. Weltweiter Protest hat einige Konzerne bewegt, die Technik vorerst nicht einzusetzen.

Freisetzung

Ohne Ausreichende Sicherheitsforschung in Klimakammern und Gewächshäusern wurden transgene Pflanzen europaweit in sogenannten "Versuchen" freigesetzt - größtenteils heimlich. Diese Versuch dienten jedoch nicht zur Sicherheitsforschung, sondern ausschließlich zur Überprüfung der Vermarktbarkeit. Inzwischen wird in sogenannten "Anbauversuchen" - ebenfalls heimlich - großflächig freigesetzt.

Bisher enthalten nahezu alle genmanipulierten Pflanzen ein Markergen, das Antibiotikaresistenz erzeugt, was aber nur eine Nebenwirkung der Manipulationsmehtode und an sich unerwünscht ist, weil dadurch die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen bei Krankheitserregern gesteigert werden könnte. Die Manipulationsmethode wird selbst vom Robert-Koch-Institut kritisiert. Dennoch werden solche Pflanzen weiter freigesetzt. Grundsätzlich sind die Transgene nach Freisetzungen nicht mehr rückholbar, d. h. dieser Prozeß ist irreversibel. Auf einer ständig wachsenden Fläche sollen immer mehr genmanipulierte Pflanzen mit immer mehr neuen Eigenschaften angebaut werden. Künstliche und artfremde Transgene werden so weit mit der Landwirtschaft verbreitet.

"So etwas kann gar nicht passieren!"

AgrEvo behauptete 1995 im Freisetzungsantrag für LibertyLink-Raps: "Eine unkontrollierte Ausbreitung des Resistenzgens in Winterrapsbestände anderer Landwirte kann im Hinblick auf die gewährleisteten Isolierungsabstände so gut wie ausgeschlossen werden.". Untersuchungen des Niedersächsischen Landesamtes für Ökologie auf eben diesen Flächen wiesen 1997 Auskreuzungsraten von 0,8% (200m) bis 28% (6m) nach. 1998 berichtete die kanadische Zeitung Western Producer von ersten Auskreuzungen der HR-Gene zwischen Monsantos RoundupReady- und AgrEvos LibertyLink-Rapssorten. Die 1998 aufkeimenden Ausfallkörner auf der AgrEvo-Fläche konnten durch Roundup nicht mehr bekämpft werden, eine Doppelresistenz wird vermutet!

Falls es passiert, passiert nichts schlimmes!

Einer der Entwickler der Libertyresistenz, Dr. de Greef umriß 1991 den Auftrag es "Sicherheitsprojektes" PROSAMO der europäischen Gentechnikindustrie und der englischen Regierung folgendermaßen: "Wir produzieren nicht Daten, weil wir das so gerne machen. Wir möchten gerne feststellen, daß sich auch die Politik verändert.". Die PROSAMO-Ergebnisse werden bis heute zum Beleg der Risikolosigkeit von HR-Raps benutzt. 1993 und 1997 veröffentlichte Beobachtungen, daß in einzelnen Fällen HR-Raps durchsetzungsfähiger als konventioneller war oder daß seine Samen besser überwintern konnten, wurden nicht weiter verfolgt.

 

Inzwischen wird von niemandem mehr bestritten, daß sich die Transgene durch Auskreuzung verbreiten. können. Dies kann zunächst innerhalb der Art (z. B. von Mais auf Mais) erfolgen. So gelangen Transgene auch unerwünscht in Bestände des ökologischen Landbaus. Einige wichtige Kulturpflanzen, wie Raps oder Zuckerrüben haben in Europa Kreuzungspartner unter Wildpflanzen. Insbesondere der Raps als Kreuzblütler hat viele verwandte Nutz- und Wildpflanzen, wie z.B. Kohl, Ackersenf, Radieschen, Rübsen oder Hederich. Hier erfolgte die Auskreuzung nachweislich zwischen den Arten (z. B. von Raps auf Rübsen oder Hederich). Grundsätzlich sind langfristig auch die Radieschen im eigenen Garten nicht vor dem Einkreuzen des Fremdgens sicher.

Problemfelder tun sich auf: zum einen kann die eingekreuzte Eigenschaft selbst ein ökologisches Risiko darstellen, z.B. wenn das Bt-Toxin die Zusammensetzung der Insektenpopulation auf den landwirtschaftlichen Flächen, oder auch darüber hinaus verändert. Oder wenn die Pflanze durch Veränderung der Inhaltstoffe (z. B. Ölgehalt im Samen) biologisch "fitter" wird und andere Pflanzen dadurch verdrängt.. Indirekt könnten auch die durch den Einbau eines Fremdgens bei einer Pflanze ausgelösten Veränderungen der Genaktivität (sog. "Positionseffekte") ähnliche Konsequenzen zeitigen. Bekannt sind Störungen des Blattgrüns, Änderung des Größe, Änderung des Blühzeitpunktes, Senkung der Hitzetoleranz und der Ertragssicherheit.

Die Freisetzung von gentechnisch veränderten Mikroorganismen entzieht sich noch stärker der Kontrolle des Menschen, da Auswirkungen wie Ausbreitung und Verdrängung nur schwer meßbar sind. Die erste in Deutschland durchgeführte Freisetzung von Mikroorganismen verlief beispielsweise nicht wie geplant: Rhiziobium meliloti Bodenbakterien, denen das wichtige Reperaturenzym recA gentechnisch entfernt worden war, konnten im Boden wider Erwarten genauso gut wie ihre unveränderten Verwandten überleben und sich vermehren. Laborversuche hatten ein anderes Ergebnis vorausgesagt.

Hier ist auch die Problematik von gentechnisch veränderten Mikroorganismen zu berücksichtigen, die aus gentechnischen Anlagen legal freigesetzt werden dürfen oder in Folge von Unfällen freigesetzt werden. Grundsätzlich speisen auch sie neue Gene oder Genkombinationen in die Umwelt ein, deren Auswirkungen nicht oder nur unzulänglich getestet wurden.

Gentechnik bei Tieren

Bei Tieren wird Gentechnik derzeit zur Leistungssteigerung (rBST) und zur Wachstumsbeschleunigung benutzt. Möglich wird dies durch die billige gentechnische Produktion von Hormonen und anderen Tierpharmaka. Folge ist jedoch der Raubbau mit der Tiergesundheit: Erkrankungen der Euter und der Gelenke erzwingen gesteigerten Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung.

Angestrebt wird die Nutzung von Tieren als sog. Bioreaktoren zur Produktion von Arzneimitteln oder von Milch, die eine besondere Zusammensetzung hat, z.B. der Muttermilch ähnlicher sein soll (sog. GenPharming). Genmanipulierte Schweine sollen überdies als Organspender für den Menschen dienen (s. Xenotranplantation). Beide Anwendungen der Genmanipulation von Tieren werden jedoch an der Landwirtschaft völlig vorbei gehen, weil für die Produktion von Wirkstoffen (GenPharming) mit einer einzigen kleinen Herde der gesamte Weltbedarf gedeckt werden kann und Tiere für Xenotransplantationen völlig steril gehalten werden müssen. Die Xenotransplantation ist mit der Gefahr verbunden, daß Krankheiten, die bisher nur Schweine bekamen, nun auch Menschen befallen, weil bisher schweinespezifische Erreger in der Angleichung des Schweinegewebes an Menschengewebe ihre Beschränkung auf Schweine überwinden könnten (s.u. Risiken der Xenotransplantation).

Auch Futtermittel sind betroffen: da Soja und Mais zu etwa 80% zu Tierfutter verarbeitet werden, ist industriell hergestelltes Mastfutter mit genmanipulierten Pflanzen im Handel. Zunehmend verlangen aber Fleischvermarkter und Molkereien - wegen wachsender sensibilität der Verbraucher aufgrund haarsträubender Futtermittelskandale - gentechnikfreie Fütterung, so daß der Markt für seriöse und gentechnikfreie Futtermittel wachsen wird. .

Welcher Lachs?

Möglicherweise kommt als erstes Tier genmanipulierter Lachs auf den Markt. Er wurde gentechnisch so verändert, daß er - im Unterschied zu seinem natürlichen Verhalten - auch im Winter viel frißt und so in kürzerer Zeit marktreif wird. Schon jetzt wirft die industrielle Lachszucht, die auf engstem Raum unter Einsatz vieler Medikamente die Fische mästet, große ökologische Probleme auf. Da Lachse den Zuchtanlagen entkommen und sich mit Wildlachsen kreuzen können, ist der Transfer von Transgenen auch hier vorprogrammiert.

 

Die Alternative ist möglich

Anhand der Beispiele wird deutlich daß die Gentechnik einen weiteren Schritt in der Spirale der Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft darstellt, die sowohl gesundheitliche und ökologische Zusammenhänge wie auch die Existenz von Landwirten zerstört: . immer mehr kleine und mittlere bäuerliche Betriebe müssen aufgeben, weil dem Druck des "immer mehr und immer billiger" nur die ganz Großen gewachsen sind und davon profitieren, wie die weltweite Konzentrationswelle im Agrarsektor eindurcksvoll beweist..

Es gibt aber einen erfolgreichen Weg, aus der Spirale auszusteigen: den ökologischen Landbau. Hier wird gleichzeitig aktiver Naturschutz betrieben, und es werden qualitativ hochwertige Lebensmittel erzeugt. Der Betrieb wird als System betrachtet, das versucht, mit weitgehend geschlossenen Kreisläufen zu arbeiten. Schonende Bodenbearbeitung, maßgeschneiderte vielfältige Fruchtfolgen, Förderung des Bodenlebens und standortgerechte Sortenwahl dienen der Vorbeugung, sodaß Unkräuter, Schädlinge und Krankheiten gar nicht erst zum Problem werden.

Während die ökologischen Anbauverbände gentechnische Verfahren für ihre Landwirtschaft ablehnen, müssen sie in Zukunft immer mehr eine Kontamination ihrer Produkte durch die Ausbreitung genmanipulierter Pflanzen befürchten.

BUNDforderungen

Der BUND lehnt die Gentechnik in der Landwirtschaft und die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen ab.

Zusätzlich fordert der BUND als Sofortmaßnahmen:

Moratorium

Verbot des Anbaus von GVOs mit Antibiotikaresistenz

Verbot des Anbaus von transgenen Pflanzen, die natürliche Kreuzungspartner haben

Förderung, Sicherung und Schutz des ökologischen und gentechnikfreien Landbaus

Ökosystemforschung zur Ergründung der Risiken

Langzeitmonitoring

Maßnahmen gegen die Generosion bei landwirtschaftlichen Nutzpflanzen

 

Kapitel IV: Gentechnik und Lebensmittel

< Kurzfassung   < Zusammenfassung

Wenn heute Gentechnik in den Kochtopf kommt, dann deshalb, weil Produkte für Zwecke der Landwirtschaft gentechnisch verändert werden oder weil der Produktionsprozeß beschleunigt, vereinfacht und verbilligt werden soll. Während in der Werbung Begriffe wie hausgemacht, ursprünglich, natürlich, ohne Konservierungsstoffe und das Image der traditionellen Zubereitung boomen, haben sich tatsächlich die Ernährungsgewohnheiten der Menschen gewaltig geändert. Optisch fehlerlos, haltbar, transportfähig, im Handumdrehen zuzubereiten, kalorienarm - so sollen die Nahrungsmittel sein. Durch diese Ansprüche und die Rationalisierungsbestrebungen der Industrie ist die Nahrungsmittelproduktion immer stärker in die Hände von Lebensmitteltechnologen geraten und inzwischen auch in den Sog der Gentechnik,

Reine Gentechnikprodukte, d. h. gentechnisch veränderte Organismen, sind noch relativ selten auf dem Markt. Die erste Gentechnikfrucht, die Flavr Savr-Tomate, erlebte in den USA eine höchst vergängliche Blütezeit und wurde inzwischen wieder vom Markt genommen. Zumeist hat es der Verbraucher mit Produkten zu tun, die aus gentechnisch veränderten Organismen, z. B. aus herbizidresistenten Sojabohnen oder insektenresistentem Mais, stammen. Soja und Mais werden auf vielfältige Weise und auch in stark verarbeiteter Form genutzt: Öl, Mehl oder Schrot, Protein- oder Stärkefraktion und weitere Extrakte wie z. B. Soja-Lecithin.

Während die neuartigen Lebensmittel aus Soja und Mais immerhin von einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurden, ist die Gentechnik in anderen Bereichen eher schleichend eingezogen - und zwar im Bereich der Hilfs- und Zusatzstoffe. Mittels gentechnisch veränderter Mikroorganismen lassen sich Hilfs- und Zusatzstoffe in großer Vielfalt und für neue Einsatzbereiche einfacher und vielfach billiger als bislang herstellen.

Enzyme, Zusatzstoffe und Vitamine

Enzyme sind komplexe Proteine (Eiweiße), die als hochspezialisierte "Biokatalysatoren" Stoffwechselreaktionen bewerkstelligen und z. B. langkettige Protein-, Kohlenhydrat- oder Fettmoleküle spalten können. Sie werdenseit längerem in der Lebensmitteltechnologie eingesetzt. Obwohl sie inzwischen gentechnisch hergestellt werden, werden sie - da als natürliche Stoffe betrachtet - weiterhin ohne Genehmigungsverfahren und Deklaration in der Lebensmittelherstellung eingesetzt. Diese Regelung erleichtert die Einführung gentechnsich hergestellter Enzyme in die Lebensmittelherstellung, verheimlicht dies aber den Verbrauchern.

Einige Beispiele:

Chymosin dient als Ersatz für das in der Käserei zur Milchgerinnung verwendete Labferment aus dem Kälbermagen.

Die Stärke-abbauende a -Amylase wird als Mehlverbesserer und Frischhaltemittel Backmittelmischungen zugefügt.

Xylanase dient ebenfalls als Mehlverbesserer, der für trockene, nicht klebende Teige sorgen soll.

Kohlenhydrat-spaltende Enzyme wie a -Amylase und Xylanase werden zudem auch als Hilfsmittel zur Steigerung der Ausbeute bei der Alkohol- und Saftproduktion verwendet sowie in der Stärkeindustrie.

Auch Proteasen (Protein-abbauende Enzyme) und Lipasen (Fett-spaltende Enzyme) sowie Enzyme für die Gewinnung von Zuckersirup aus Maisstärke (u. a. eingesetzt zur Herstellung von Softdrinks wie CocaCola, Sprite etc) werden mehr und mehr gentechnisch hergestellt.

Functional Food

Neue Akzeptanz für Gentechnik in Lebensmitteln erhofft man sich von einer ganz neuen Produktgruppe, die unter Begriffen wie Functional Food, Health Food oder Nutraceuticals in der Diskussion ist. Hier geht es tatsächlich nicht mehr nur um eine Rationalisierung beim Anbau oder in der Herstellung, sondern darum, Produkte mit einem medizinischen Zusatznutzen auszustatten. Als Weg zu angeblich gesünderer Nahrung soll Gentechnik sich besser verkaufen lassen: Produkte mit weniger Fett, mit "gesünderem" Fettsäuremuster, mit mehr Vitaminen, mit mehr Ballaststoffen, mit Substanzen, denen eine krebshemmende Wirkung zugeschrieben wird, mit Impfstoffen oder mit weniger Allergenen.

Versucht wird, den festen Glauben an die vermeintlich höhere Qualität von Gentechnik-Lebensmitteln zu erzeugen, ohne dabei allzu sehr an den Versprechungen gemessen zu werden. Der sogenannte allergenfreie Reis, der angeblich in Japan entwickelt wurde, hält beispielsweise nicht, was er verspricht. Um Reis-Allergikern wirklich zu helfen, genügt es nämlich nicht, den Gehalt eines der vielen Reisallergene zu verringern, sondern man müßte alle entfernen können. Die Zahl der allergenen Eiweiße im Reis ist aber viel zu groß und die menschlichen Reaktionsmöglichkeiten gegenüber Allergenen sind viel zu komplex, als daß der Gentechnik-Ansatz erfolgversprechend wäre. Die die Forschungen ursprünglich unterstützende Firma hat sich denn auch folgerichtig aus dem Projekt zurückgezogen.

"So etwas kann gar nicht passieren"

Das Wahrheitsministerium

Transgene Sojapflanzen - als Futter für die Hochleistungsmast von Schweinen gedacht - bildeten nach dem Einbau eines Paranuß-Gens ein allergenes Protein. Der Saatgutkonzern Pioneer Hi-bred gab die Produktlinie auf. Entgegen den Darstellungen des Bundeslandwirtschaftministeriums und der deutschen Gentechnik-Lobby war nicht die mögliche Gefährdung der menschlichen Gesundheit für diesen Rückzieher ausschlaggebend. Der Vizepräsident von Pioneer Hi-bred, A. Cavalieri, stellte fest: "Falls von einem solchen Produkt ein beträchtlicher Vorteil für den Menschen ausginge und nur eine Handvoll Leute dagegen allergisch reagierten, würde das eine ganz andere Sache sein.". Laut US-amerikanischer Gesetzgebung ist der Nachweis einer allergischen Wirkung von GVO lediglich Grund für eine Kennzeichnung, Schäden werden bei hohen Gewinnerwartungen bewußt in Kauf genommen.

Deutsche Märchentraditionen

Die deutsche Gentechnik-Lobby baute 1997 in der Allergiediskussion ausgehend von japanischen Forschungsprojekten mit transgenem Reis ein Argument für die Gentechnologie auf: "So konnte [durch den Einsatz der Gentechnologie] die Synthese des Allergens weitgehend verhindert werden; der Reis kann von den Allergikern verzehrt werden.". Die zugrundeliegenden Forschungsberichte der Universität weisen schon 1996 darauf hin, daß keinerlei Untersuchungen zum medizinischen Nutzen vorliegen. Durch den gentechnischen Eingriff konnten nur einige der allergenen Proteine ausschaltet werden. Der Forschungsleiter Dr. Tada erklärte resignierend: "Am Ende mußten wir uns geschlagen geben angesichts der Komplexität des Allergiespektrums der Patienten". Das ganze Forschungsprojekt muß als Augenwischerei gelten, da die beteiligten Forscher schon im Jahr 1991 diese beklagte Komplexität ausführlich dokumentiert hatten. Zudem liefern sie selbst einen praktikablen, aber gentechnikfreien Lösungsansatz - die Wiedereinführung der Sortenvielfalt. Als Ursache dieses japanischen Allergie-Problems erkannten sie 1995, daß im Gegensatz zum traditionellen Sortenreichtum im asiatischen Reisanbau die moderne japanische Züchtung auf drei Ursprungsorten aufbaute, die einen hohen Gehalt an Allergenen besitzen.

Nutraceuticals führen zu einem fließenden Übergang von Nahrungsmitteln zu Medikamenten. Deshalb müssen die Hersteller eine gewisse Vorsicht walten lassen: Wenn die Bedeutung für die Gesundheit zu stark betont wird, dürften die Produkte letztlich nur noch über Apotheken vertrieben werden und müßten unter Umständen einem entsprechenden Zulassungsverfahren unterworfen werden. Um dies zu umgehen und im Gegenteil Nutraceuticals besser bewerben und verkaufen zu können, wird von der Food-Industrie bereits nach entsprechenden Gesetzesänderungen gerufen.

Novel Food und die Kennzeichnung

Die 1997 in Kraft getretene europäische Verordnung über neuartige Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, auch Novel Food Verordnung genannt, regelt Zulassung und Kennzeichnung neuartiger, in der Regel gentechnisch hergestellter Lebensmittel. Lebensmittel und Lebensmittelzutaten sind danach zu kennzeichnen, wenn sie z. B. gentechnisch veränderte Organismen sind oder solche enthalten. Für die Produkte aus gentechnisch verändertem Soja und Mais wurde 1998 speziell festgelegt, daß sie zu kennzeichnen sind, wenn sie nicht gleichwertig sind zu den herkömmlichen Lebensmitteln und sich dieser Unterschied wissenschaftlich nachweisen läßt. Der Nachweis läßt sich sowohl über die DNA-Analyse (die sehr empfindlich ist) als auch über die Protein-Analyse führen. Geeignete Nachweisverfahren mit den jeweiligen Nachweisgrenzen sollen europaweit standardisiert werden. Die Kennzeichnung "Aus genetisch verändertem Soja/Mais hergestellt" soll hinter der Angabe der betreffenden Zutat im Kleingedruckten erfolgen.

Gentechnisch hergestellte Lebensmittelzusatzstoffe, Aromen, Extraktionslösungsmittel und Enzyme fallen explizit nicht unter die Novel Food Verordnung und sind damit weder genehmigungs- noch kennzeichnungspflichtig. Gleiches gilt für Produkte aus gentechnisch veränderten Organismen, die herkömmlichen Produkten gleichwertig sind (voraussichtlich z. B. raffinierte Pflanzenöle oder Zucker). Es ist demnach davon auszugehen, daß der weit überwiegende Teil der mittels Gentechnik hergestellten Lebensmittel künftig nicht gekennzeichnet wird.

Eine sogenannte Positivkennzeichnung von Lebensmitteln ist ausdrücklich erlaubt, d. h., ein Hersteller kann erklären, daß die von ihm hergestellten Lebensmittel ohne gentechnische Methoden produziert wurden. Angestoßen durch die Volksbegehrens-Initiativen der Umweltverbände und kirchlichen Gruppen erließ die Bundesregierung eine Verordnung, die die Voraussetzungen, unter denen eine Kennzeichnung "ohne Gentechnik hergestellt" vergeben werden darf, regelt.

BUNDforderungen

Der BUND lehnt die gentechnische Produktion von Lebensmitteln ab. Um die Entscheidungsfreiheit von Verbraucherinnen und Verbrauchern zu sichern, fordert der BUND als Mindestmaßnahmen:

eine klare und deutlich sichtbare Kennzeichnung durch Pictogramm aller gentechnisch hergestellten Lebensmittel ohne Ausnahme

eine klare und deutlich sichtbare Kennzeichnung aller gentechnisch hergestellten Zusatzstoffe, Aromen, Extraktionslösungsmittel und Enzyme

Förderung und Etablierung der Positivkennzeichnung "Ohne Gentechnik".

 

Kapitel V: Gentechnik in der Medizin

< Kurzfassung   < Zusammenfassung

Gentechnik in der Medizin gilt vielfach als der Fortschritt schlechthin. Neue Medikamente für bislang nicht behandelbare Krankheiten, das Heilen mit Genen über die Gentherapie, die Bereitstellung quasi unerschöpflicher Organreserven aus Tieren oder evtl. sogar aus menschlichen Zellen und eine immer detailliertere Analyse unserer genetischen Ausstattung werden uns versprochen. Doch ist die neue Welt tatsächlich generell so rosig wie zumeist dargestellt?

Genomanalyse

Über die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts (Genom) soll bislang ungeahntes Wissen über unsere Erbanlagen und unsere körperlichen (und geistigen?) Eigenschaften verfügbar und nutzbar werden. Dieses Wissen läßt sich breit einsetzen - in der Pränataldiagnostik genauso wie zur Untersuchung von sogenannten Krebsgenen, in der Arbeitsmedizin wie auch u. U. beim Abschluß von Kranken- oder Lebensversicherungen.

Einige Tausend Gene sind mittlerweile bekannt, z. T. auch sequenziert und in ihren wesentlichen Funktionen analysiert. Ein Großteil davon betrifft die selten auftretenden monogenetischen Erbkrankheiten (unter 1 % der Krankheiten), die durch die Veränderung nur eines Gens verursacht werden. Das Interesse von Wissenschaft und Industrie konzentriert sich inzwischen jedoch vermehrt auf die Gene, denen ein Einfluß auf die Entstehung von Volkskrankheiten wie Krebs und Herz- und Kreislauf- sowie Stoffwechselerkrankungen zugeschrieben wird. Dabei entfaltet sich die Tendenz, den Menschen ausschließlich als Produkt seiner Gene zu betrachten, ohne die vielfältigen Wechselwirkungen und Umwelteinflüsse und die Persönlichkeit des Einzelnen zu berücksichtigen. Das fällt hinter den schon erreichten Stand der Wissenschaft zurück und birgt die Gefahr einer grundlegenden, realitätsfremden Veränderung des Menschenbildes.

Immer mehr Nachweisverfahren für einzelne Gene und ihre veränderten Varianten werden entwickelt und können z. B. in der Pränataldiagnostik eingesetzt werden. Vor der Geburt läßt sich so feststellen, ob der Fötus die eine oder andere genetische Abweichung von der Norm aufweist. Die Präimplantationsdiagnostik - einsetzbar nach In vitro-Fertilisation - verlegt den Analysezeitpunkt sogar noch weiter zurück; einem als nicht perfekt eingestuften Embryo wird die Einnistung in die Gebärmutter gar nicht erst erlaubt (in Deutschland verbietet allerdings das Embryonenschutzgesetz die Manipulation von Embryonen und damit die Abtrennung embryonaler Zellen zur genetischen Analyse).

Doch was bedeutet "nicht perfekt" und was ist normal? Welche Kriterien werden hier von wem angelegt und wie verschieben sie sich mit wachsendem Kenntnisstand? Nach welchen Genen für welche Eigenschaften (körperliche oder vielleicht auch geistige Eigenschaften) wird gesucht? Ist die Pränataldiagnostik zuvorderst ein Angebot für Risikogrupen, in deren Familien Erbkrankheiten aufgetreten sind, um den Betroffenen Gewißheit über An- oder Abwesenheit des betreffenden Erbfaktors zu verschaffen? Oder wird sie mehr und mehr ein Angebot, ja ein Muß für die Allgemeinheit, die über die genetische Ausstattung des Nachwuchses entscheiden will und die auf der Suche nach dem perfekten Kind ist?

Dem weniger Perfekten wird damit implizit das Lebensrecht verweigert - eine Perspektive, die von Behinderten und ihren Organisationen zu Recht heftigst abgelehnt und bekämpft wird. Wenn nur noch Starke und Gesunde, die "wenig Kosten verursachen", ein Recht auf Leben und Entfaltung ihrer Persönlichkeit hätten, steht zu befürchten, daß die Solidarität der Gesellschaft den weniger fitten Mitmenschen gegenüber noch geringer würde, als es derzeit schon der Fall ist.

Genetische Analysen bereits Geborener entscheiden zwar nicht über das Recht auf Leben, wohl aber können sie die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten und Lebensentwürfe beeinflussen. Der Kenntnis über ein u. U. erhöhtes Risiko, Krebs oder bestimmte andere Krankheiten zu erleiden und der Möglichkeit, durch einen entsprechenden Lebensstil weitere Risikofaktoren zu vermeiden, steht die psychische Belastung gegenüber, evtl. schon früh über künftige Krankheiten informiert zu sein, gegen die man sich nicht oder nur bedingt schützen kann und die so als unausweichlich erlebt werden. Denn den rasch wachsenden Analysemöglichkeiten steht kein entsprechendes Repertoire an Behandlungsverfahren gegenüber - die Lücke zwischen Erkenntnis und Therapie klafft aller Voraussicht nach weiter auf.

Ein gesteigertes Interesse an genetischen Daten gibt es künftig möglicherweise von Seiten der Arbeitgeber und der Versicherungen. Bewerber könnten aufgefordert werden, sich einem genetischen check up zu unterziehen, um die Eignung für den jeweiligen Arbeitsplatz festzustellen. Menschen, die eine Kranken- oder Lebensversicherung abschließen wollen, könnten sich vielleicht genötigt sehen, Daten über ihren genetischen Status an die Versicherung zu übermitteln, weil diese derartige Auskünfte zur Abschätzung von Versicherungssumme und Prämie verlangt bzw. zur Beurteilung, ob sie zum Abschluß eines Versicherungsvertrags überhaupt bereit ist. Genetische Diskriminierung wird im privaten Versicherungswesen der USA heute schon durchaus beobachtet; sie könnte sich auf viele Lebensbereiche ausdehnen, wenn nicht klar geregelt wird, welche genetische Daten durch wen und von wem erhoben werden dürfen, wer darüber wie und wozu verfügen darf und wer davon Kenntnis erhält. Auch das Recht auf Nichtwissen über die individuelle genetische Ausstattung muß klar in entsprechenden Regelungen verankert werden.

In einem weltweiten Verbund der Humangenetiker (HUGO - Human Genome Organisation) wird daran gearbeitet, die Sequenz des menschlichen Genoms mit seinen ca 100 000 Genen Base für Base zu entziffern, noch vor 2005 sollen die Ergebnisse vorliegen. In einem weiteren Projekt, dem Human Genome Diversity Project, wird versucht, in einer Art genetischer Weltatlas Daten möglichst vieler Bevölkerungsgruppen zu sammeln, insbesondere der Völker, die von baldigem "Aussterben" bedroht sind - vielfach ohne die Betroffenen zu fragen. Ziel sei, so die Initiatoren, die Konstruktion eines Stammbaums der Menschheit und die Isolierung "interessanter" Gene. Patente auf identifizierte Gene sollen die Besitzansprüche von Wissenschaft und Industrie absichern. Heftiger Protest der Völker, die so untersucht und kategorisiert und deren Gene patentiert werden sollen, gegen diese Art von Ethno-Gentechnik hat zur breiten Diskussion über die Verfügbarkeit über genetische Daten geführt.

Gentechnisch erzeugte Medikamente

Mit Hilfe der Gentechnik lassen sich körpereigene Stoffe des Menschen als Medikamente entwickeln und erzeugen, deren Herstellung mit konventionellen Methoden nicht möglich ist; der Therapie eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten. Zur Herstellung werden in der Regel gentechnisch veränderte Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze, aber auch tierische Zellkulturen verwendet. "Gene pharming" soll dazu führen, daß auch gentechnisch veränderte Tiere (Rinder, Schafe, Ziegen etc) als lebende Pharmafabriken dienen und menschliche Proteine in Milch, Blut oder Urin liefern. Künftig sollen zusätzlich transgene Pflanzen derartige Medikamente produzieren.

Die neuen humanidentischen Medikamente sollen wirksamer und nebenwirkungsärmer sein. Eine Reihe von gentechnisch hergestellten Produkten ist inzwischen auf dem Markt, darunter viele Ersatzpräparate für Medikamente, die bislang aus Tieren (z. B. Insulin, Hirudin) oder aus menschlichem Gewebe bzw. Blut gewonnen wurden (z. B. Wachstumshormon und Gerinnungsfaktor VIII). Andere Wirkstoffe des menschlichen Organismus wie beispielsweise das blutbildende Hormon Erythropoietin (EPO), die die Zellkommunikation beeinflussenden Interferone, Blutgerinnsel auflösende Faktoren wie t-PA (Gewebeplasminogen-Aktivator) u.a. lassen sich nur mittels gentechnischer Methoden in nennenswerten Mengen produzieren. Auch Impfstoffe (wie z. B. ein Impfstoff gegen Hepatitis C) sollen künftig vermehrt gentechnisch erzeugt werden.

Der Renner unter diesen Medikamenten mit dem höchsten Umsatz weltweit ist EPO, das zur Behandlung der durch Nierenversagen bedingten Blutarmut und damit einhergehenden Sauerstoffunterversorgung eingesetzt wird und vielen Nierenkranken hilft. Auf der anderen Seite zeigt das Beispiel EPO die Ambivalenz der medizinischen Entwicklung, denn erstens wird ein Teil der Fälle von Nierenversagen durch den langjährigen Gebrauch/Mißbrauch bestimmter Medikamente mit-verursacht und zweitens findet EPO auch als Dopingmittel im Sport Verwendung.

Interferone - Botenstoffe des Immunsystems - haben sich nicht als die Wundermittel gegen Krebs erwiesen, als die sie ursprünglich gepriesen wurden. Inzwischen sind sie zugelassen zur Behandlung seltener Krebserkrankungen (einzelne Leukämieformen), bestimmter Autoimmunerkrankungen (z. B. Multiple Sklerose) bzw. der Infektionskrankheiten Hepatitis B und C; sie können jedoch zu schweren Nebenwirkungen führen, da Wirkort und Konzentration nur schwer der natürlichen Situation anzupassen sind. Anfangserfolge bedeuten eben nicht notwendigerweise auch Dauererfolge.

Das therapeutische Neuland, das mit gentechnisch erzeugten Medikamenten betreten wird, ist so durchaus gespickt mit Problemen und Unwägbarkeiten. Eine generelle Euphorie, wie sie gerne von interessierter Pharmaseite erzeugt wird, ist fehl am Platze. Die neue Produktionsweise ist weder frei von Risiken für die Patienten noch ist sie unter allen Umständen unproblematisch für die Umwelt. So ist das Infektionsrisiko, das bei Medikamenten aus tierischer oder menschlicher Herkunft allgemein gesehen wird, bei gentechnischer Herstellung nicht ausgeschlossen, vor allem wenn zur Produktion Zellkulturen oder gar gentechnisch veränderte Tiere eingesetzt werden. Unerwünschte Wirkungen auf die Umwelt sind v. a. dann nicht ausgeschlossen, wenn bei der Produktion gentechnisch veränderte Organismen z. B. über Abwasser und Abfall oder infolge eines Unfalls freigesetzt werden (s. Kap. Freisetzung).

Gentherapie an Körper- und Keimbahnzellen

Die Medizin der Zukunft soll nicht mehr nur mit Medikamenten - seien sie nun konventionell oder gentechnisch erzeugt - therapieren, sondern eine "Heilung mit Genen" wird versprochen. Gentherapie soll Krankheiten an der Wurzel fassen und so zu einer effektiveren Behandlung verschiedenster Leiden führen. Insbesondere für die Entwicklung der sogenannten somatischen Gentherapie wird so geworben.

Somatherapie

Unter somatischer Gentherapie ist die gentechnische Veränderung von Körperzellen (somatischen Zellen) zu verstehen. Das den Körperzellen eingefügte Erbmaterial soll entweder für die Produktion eines fehlenden Stoffes sorgen, die Produktion eines unerwünschten Stoffes abstellen oder Stoffwechselprozesse in eine gewünschte Richtung lenken. Die Veränderung der Körperzellen erfolgt entweder direkt im Körper (in-vivo) oder außerhalb des Körpers (ex-vivo), wobei die zuvor isolierten Zellen nach der gentechnischen Veränderung in den Körper zurückgeführt werden (z. B. Blutzellen).

Seit 1990 gibt es weltweit eine Reihe von Gentherapieversuchen, die die Behandlung von Erbkrankheiten wie Mucoviscidose = Cystische Fibrose, Krebserkrankungen (z.B. Hautkrebs) oder Infektionskrankheiten (z. B. AIDS) zum Inhalt haben. Doch trotz Hunderter in die Versuche einbezogener Patienten und Patientinnen ergab sich bislang kein zweifelsfreier Beleg für die Wirksamkeit derartiger Therapieansätze. Auch eine standardisierte Methode für die Anwendung der somatischen Gentherapie am Menschen ließ sich bisher nicht entwickeln.

Der Probleme, Unwägbarkeiten und Unsicherheiten gibt es viele. Zunächst existieren keine verläßlichen Methoden des Gentransfers, die die neuen Gene sicher, gezielt und ohne Nebeneffekte in den Zielzellen verankern und die korrekte Umsetzung der neuen Information sicherstellen. Die Gene sollen außerdem nur in bestimmten Zellen oder Geweben aktiv sein und nicht wahllos irgendwo und dürfen auch nicht in Keimbahnzellen gelangen. Als Transfersysteme (Gentaxis) werden entweder Viren oder Fettkügelchen (Liposomen) eingesetzt, die die DNA übertragen sollen. Alle bislang entwickelten Transfersysteme sind entweder nicht sicher oder nicht stabil und effizient genug.

Die verschiedenen als Genfähren (Vektoren) benutzten Viren können zudem ein Eigenleben entwickeln, sie können u. U. mit anderen bereits vorhandenen oder durch Infektion hinzukommenden Viren Erbmaterial austauschen. Viren mit neu kombinierten unbekannten Eigenschaften könnten so entstehen und nicht nur den Patienten, sondern auch seine Umgebung gefährden.

Der Öffentlichkeit wird von Seiten der interessierten Industrie und assoziierter Kreise suggeriert, man habe mit der somatischen Gentherapie ein effizientes Instrument zur Behandlung vieler, bislang nicht therapierbarer Krankheiten, weil man hier an der Wurzel des Krankheitsgeschehens, an den Genen, angreife. Es hat sich jedoch gezeigt, daß die allermeisten Krankheiten, insbesondere Krebserkrankungen und Stoffwechsel- sowie Kreislauferkrankungen keine einzelne, einfache Ursache haben sondern viele, oder daß sich einzelne Ursachen nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auswirken und damit die äußerst komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Individuum und seiner Umwelt incl. seines Lebensstils widerspiegeln (etwa 70 % der Krankheiten gelten z. B. direkt oder indirekt als ernährungsbedingt). Die Blickverengung auf das "ursächliche" Gen ist also auch hier ein Irrweg. Und ein gefährlicher obendrein: Inzwischen gab es Todesfälle nach somatischer Gentherapie. Voraufgegangene sollen von Forschern und Behörden verschwiegen worden sein.

Keimbahntherapie

Unter Keimbahntherapie ist ein gentechnischer Eingriff in die Keimbahn und damit in die Zellen (Eizellen, Spermien, Embryonen), die ihre genetische Information an die Nachkommen weitergeben, zu verstehen. Eine gentechnische Veränderung der Keimbahn wird als mögliche künftige Methode dargestellt, um zuächst Menschen das Schicksal von Erbkrankheiten oder anderen Leiden zu ersparen, und im nächsten Schritt Menschen nach Maß mit den von Eltern (und Gesellschaft) gewünschten idealen Eigenschaften zu schaffen. Der Erwerb neuer Eigenschaften und die Kombination der "besten Gene" scheint es zu rechtfertigen, Methoden der gentechnischen Veränderung, u. U. in Kombination mit Klonierungsverfahren, von Tieren auf den Menschen zu übertragen. Immer mehr werden Stimmen laut, die eine solche "Verbesserung" des Menschen als nützlich und deshalb ethisch vertretbar einstufen und die (Weiter-)Entwicklung entsprechender Methoden befürworten. Wohin das aber führt, zeigte die berüchtigte Elmauer Rede von Peter Sloterdijk: er wendet sich gegen den herrschenden "Geburtenfatalismus" (Hinnahme jeden Kindes gleich welchen Erb-"Defektes") und postuliert ein "Expertenkönigtum" (im "Menschenpark"!), das das (gentechnische) "Züchtungsprogramm" für die Eliten bestimme, während gerade die Gentechnik Anlaß gibt, kritisch über die Bindung von Wissenschaftlern, jener "Expertenkönige", in konzerneigener oder drittmittelfinanzierter Forschung nachzudenken. Sloterdijk setzt damit bloß "Wissenschaftsfatalismus" an die Stelle des "Geburtenfatalismus": wie bisher Kinder, gleich welcher Behinderung, sollen wir nun die Ausgeburten der Eierköpfe von "Expertenkönigen", gleich welcher profitablen Verirrung, hinnehmen. Das ist ein geistiger Anschlag auf Demokratie und Menschenwürde.

In Deutschland sind Eingriffe in Embryonen und Keimbahnzellen durch das Embryonenschutzgesetz verboten und der Großteil der Wissenschaftler erteilt derartigen Versuchen eine klare Absage. Denn, abgesehen davon, daß mit hoher Wahrscheinlichkeit neues Leiden durch mißglückte Eingriffe entstünde und Unmengen von Embryonen und vermutlich auch Feten zur Etablierung der Methoden "geopfert" werden müßten, würde die Keimbahntherapie dazu führen, daß Menschen nicht mehr als Individuen mit dem Recht auf eigene Entwicklung gesehen würden, sondern als Produkt der Gentechnik, die sie mit den jeweils gewünschten Eigenschaften ausstattet. Damit würden sie zum Objekt der Aktivitäten und Nützlichkeitserwägungen Anderer (in Staat und Gesellschaft bzw. Familie). Die Menschenwürde aber läßt eine Instrumentalisierung des Menschen, und sei es unter dem Siegel der Hilfe und Verbesserung, nicht zu und verbietet damit auch ganz klar den gentechnischen Eingriff.

Xenotransplantation

Bei der sogenannten Xenotransplantation werden Organe zwischen Individuen verschiedener Arten übertragen; Ziel ist, der Knappheit von menschlichen Spenderorganen mit der Nutzung tierischer Organe zu begegnen. Schweine sind die Favoriten unter den Spendern aus dem Tierreich, weil sie sich rasch vermehren, einfach zu halten sind und ihre Organe ähnlich groß sind wie die des Menschen. Mit heftigen akuten Abstoßungsreaktionen des menschlichen Körpers gegen ein tierisches Organ ist jedoch zu rechnen. Deshalb wird seit einigen Jahren versucht, Schweineorgane "menschlicher" zu machen, indem die Tiere gentechnisch verändert werden. Ziel ist die Ausprägung menschlicher Eiweiße in den Schweinezellen, die eine Anpassung an das menschliche Immunsystem erlauben sollen. Wie weit eine solche gentechnische Veränderung eine längere Überlebensdauer transplantierter Schweineorgane im menschlichen Empfänger ermöglichen würde, ist derzeit offen. Da sich Stoffwechsel und Hormonhaushalt von Mensch und Schwein in vielen Parametern unterscheiden, ist auch die Stoffwechselverträglichkeit transplantierter tierischer Organe keineswegs gesichert.

Risiken der Xenotransplantation

Die an sich dem Menschen näher verwandten Primaten scheiden nach Meinung vieler Wissenschaftler als Quelle für Organe nicht nur deshalb aus, weil ihre Haltung sehr teuer ist, sondern vor allem weil zu fürchten ist, daß Krankheitserreger auf den Menschen übertragen werden könnten. Insbesondere sogenannte endogene Retroviren, die sehr wandelbar sind und sich offenbar rasch an eine veränderte Umgebung anpassen, könnten sich an den Menschen adaptieren und zu neuen Krankheiten nicht nur bei den betroffenen Organempfängern, sondern auch im Umfeld der Patienten führen. Die Erfahrung mit dem Retrovirus HIV, dem Erreger von AIDS, dient hier als warnendes Beispiel. 1997 wurde gezeigt, daß auch endogene Schweine-Retroviren in menschlichen Zellen in Kultur wachsen können, die Anpassung solcher Viren an den menschlichen Wirt scheint somit möglich. In Großbritannien wurde daraufhin ein mehrjähriges Moratorium für Xentransplantationsversuche verfügt.

Auch ethische Aspekte bei der Nutzung von Tieren als Organspender sind zu beachten. Beispielsweise ist zu fragen, von welchem Personenkreis nach welchen Kriterien zu entscheiden wäre, wer ein menschliches und wer als Zwischenlösung ein tierisches Organ erhält und ob die gentechnische Veränderung und Nutzung von Tieren als Organspender - quasi als Ersatzteillager - ethisch gerechtfertigt ist und sich mit den Erfordernissen des Tierschutzes vereinbaren läßt. Die als Spender für eine Xenotransplantation hergestellten transgenen Schweine müßten beispielsweise unter möglichst sterilen Bedingungen gehalten werden - eine mit Sicherheit nicht artgerechte Haltungsform. Bei der Xenotransplantation würden vielfältige Risiken für die Patienten, die vermutlich in längerer Isolation gehalten werden müßten, und für die Allgemeinheit, die sich unter Umständen mit neuartigen Virusinfektionen konfrontiert sähe, in Kauf genommen und dies für ein Verfahren, das bestenfalls als Übergangslösung einsetzbar wäre.

BUNDforderungen

Statt Symptome zu bekämpfen ist Priorität auf die Prävention von Krankheiten zu setzen und eine breite und früh einsetzende Aufklärung über gesunde Ernährung und Lebensführung zu etablieren.

Entwicklung alternativer Heilverfahren, die nicht die Risiken des Gentechnikeinsatzes mit sich bringen

Im medizinischen Bereich klafft die Lücke zwischen Diagnose- und erfolgversprechenden Therapiemöglichkeiten zunehmend auseinander. Diagnosemöglichkeiten dürfen nur zugelassen werden, wenn bewährte Therapiemöglichkeiten bestehen.

Keine genetische Analyse ohne vorherige informierte Zustimmung der Betroffenen

Schutz der genetischen Daten des Einzelnen, aber auch ganzer Volksgruppen

Effektiver Schutz vor Diskriminierung aufgrund der genetischen Ausstattung und vor Selektion

Keine Patentierung menschlicher Gewebe, Zellen und Gene

Verbot von Keimbahntherapie und Klonierung von Menschen aufrecht erhalten - Einsatz Deutschlands für ein weltweites Verbot der Keimbahntherapie und Klonierung

Keine Aufweichung des Embryonenschutzgesetzes

Verbot der Xenotransplantation.

 

Kapitel VI: Umwelttechnik - Sanierung

< Kurzfassung   < Zusammenfassung

Altlasten gefährden Mensch und Umwelt in besonderem Maße. Die Zahl der derzeitigen Altlasten mit kommunalen und industriellen Abfällen wird in Deutschland auf 100.000 geschätzt. Im Zusammenhang mit der Sanierung dieser Altlasten nimmt man zunehmend die biologische Aktivität von Mikroorganismen in Anspruch, insbesondere bei Mineralölkontaminationen. Obwohl seit langem der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen propagiert wird, hat sich jedoch gezeigt, daß die Anwendung der Gentechnik gerade im Sanierungsbereich weit hinter den prognostizierten Erfolgen zurückgeblieben ist. Der Grund für die mangelnde Umsetzung liegt vor allem in technischen Problemen:

die gentechnische Konstruktion der oft sehr komplexen Abbauwege der zudem toxischen Verbindungen (z B. chlorierte oder polycyclische, aromatische Kohlenwasserstoffe) in den Mikroorganismen ist sehr schwierig

die gentechnisch veränderten Mikroorganismen können sich gegen ihre Verwandten im Milieu nicht halten oder durchsetzen

die Zielschadstoffe liegen vor Ort praktisch immer in Gemischen und zusätzlich meist in sehr niedrigen Konzentrationen (z. B. Dioxine) vor, sodaß die GVO vorzugsweise andere Stoffe abbauen

die Randbedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit und Stoffkonzentrationen variieren.

Der Einsatz von GVO zur Umweltsanierung würde in aller Regel auch eine Freisetzung mit allen damit verbundenen Risiken für Mensch und Umwelt bedeuten.

Derzeit wird versucht, mit natürlich vorkommenden Organismen wie Pseudomonaden oder Weißfäulepilzen zu arbeiten, die zudem in Anlagen unter relativ konstanten Bedingungen gehalten werden. Abgesehen, daß ein nennenswerter ökonomischer Einsatz der Gentechnik in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist, handelt es sich hier ganz deutlich um eine Reperaturtechnologie (end-of-pipe), die verhandene umweltbelastende Produktionsabläufe eher zu stabilisieren hilft anstatt sie durch umweltverträgliche zu ersetzen.

BUNDforderungen

Keine Freisetzung von GVO für Umweltsanierung

Änderung der Produktionsabläufe und funktionierendes Recycling in einer Kreislaufwirtschaft

 

Kapitel VII: Welternährung

"Ohne Mikrobiologie und Gentechnik wird es nicht gelingen,
die Weltbevölkerung im nächsten Jahrtausend zu ernähren."
Dr. Klaus Lampe, Informationsbroschüre des BMELF, Sept. 97

"Jede neue Technologie verschärft in einer Gesellschaft
, die nicht von Grund auf gerecht ist,
die Ungleichheit zwischen Arm und Reich."
Pat Mooney, in: Erklärung von Bern 1989

 

Kaum eine Diskussion über Gentechnik wird geführt, in der nicht früher oder später die Segnungen der Gentechnik für die Bekämpfung des Hungers beschworen werden.

Bei den Fachleuten, die sich mit den Problemen der Welternährung befassen, ist weitgehend klar: Der Hunger in der Welt wird nicht verursacht durch einen Mangel an Technologie sondern durch Ungerechtigkeit und Armut, die den Zugang zu den Lebensmitteln für die Unterprivilegierten verhindert - wer arm ist, muß hungern.

Schon die Versprechungen der "Grünen Revolution" konnten nicht eingelöst werden. Die Verheißungen der Zweiten Grünen Revolution ähneln denen ihrer Vorgängerin, übertreffen diese aber bei weitem. Dabei geht es im wesentlichen um Ertragssteigerungen und Qualitätsverbesserungen durch genmanipulierte Pflanzen und Tiere, wobei folgende Ziele angestrebt werden

Hitze-, Kälte und Trockenresistenzen bei Pflanzen

Nutzbarmachen versalzter und verseuchter Böden

Veränderte Inhaltsstoffe von Pflanzen (z.B. neue Fette oder Proteine, Anreicherung mit Vitaminen, Impfstoffe z. B. in Bananen)

Bessere Anpassungsfähigkeit von Nutztieren

So wie bisher die fortschreitende Industrialisierung für die Kleinbauern von Schaden und für die Industrienationen von Nutzen war, so wird dies auch unter dem Zeichen der Gentechnologie sein, die Entwicklung wird sogar weiter zugespitzt.

Vandana Shiva, Trägerin des alternativen Nobelpreises, entlarvte die These, Gentechnik könne Hungernde ernähren, als Mythos. Sie begründet: "Der industrielle Anbau ist ausgerichtet auf die Erträge von ein oder zwei weltweit vermarkteten Erzeugnissen und nicht auf die verschiedenen Feldfrüchte, die die Menschen vor Ort ernähren. Beim industriellen Anbau geht es um Ertragsmenge je Flächeneinheit und nicht darum, wie viele Menschen pro Flächeneinheit ernährt werden können. ... Der industrielle Anbau nutzt die natürlichen Ressourcen intensiv und verschwenderisch." Mit anderen Worten: es werden Monokulturen gefördert und es wird Vielfalt und damit auch Vielseitigkeit in der Ernährung zerstört.

Damit findet der Kolonialismus eine unrühmliche Fortsetzung. Die zahlungskräftigen Märkte der Industrienationen haben viele Länder dazu gebracht, Monokulturen für Güter eben dieser Märkte anzulegen, so z.B. für Zucker und Kaffee oder Bananen. Inzwischen wird jedoch mittels moderner Bio- und Gentechnologie Zuckersirup für Getränke überwiegend aus Mais US-amerikanischer Farmer erzeugt. Die Abhängigkeit von solchen "cash crops" kann aber sehr schnell zur Falle werden., so zum Beispiel künftig auch für die Länder, die große Mengen an Kokos- und Palmöl liefern. Wenn nämlich gentechnisch veränderte Pflanzen Fette mit ähnlichen Eigenschaften als Industrierohstoff produzieren können, bricht ein für eine Reihe von Entwicklungsländern wichtiger Markt zusammen.

Ein großer Teil der gentechnischen Forschung konzentriert sich zudem gar nicht auf Lebensmittel, sondern auf nachwachsende Rohstoffe wie z. B. Baumwolle, die zu einem beträchtlichen Teil den Konsuminteressen der reichen Länder dienen. Dies wird zur Folge haben, daß große landwirtschaftliche Flächen der Nahrungsmittelproduktion entzogen werden, und zwar betrifft das in der Regel gerade die besten und am einfachsten zu bewirtschaftenden Böden. Die Nahrungsmittelproduktion für die heimische Bevölkerung wird häufig auf schlechte Standorte verdrängt.

Und die Spirale der Ausbeutung dreht sich weiter. Ein weiterer Meilenstein dazu ist die Ausbeutung der genetischen Ressourcen der Entwicklungsländer. Die Artenvielfalt in der Dritten Welt, die sich u.a. auch aufgrund der geringeren Industrialisierung erhalten konnte, wir jetzt ausgebeutet von Firmen aus den Industrienationen, in denen durch einen unrühmlichen Umgang mit der Natur ein Teil der Lebensgrundlage schon zerstört wurde. Wer glaubt, die Dritte Welt hätte jetzt den Nutzen davon, irrt. Viele Unternehmen sind bereits dazu übergegangen, sich durch Verträge mit staatlichen Stellen Nutzungsrechte an den genetischen Ressourcen zu kaufen und durch Patentierung zu sichern, so z. B. bereits 1991 geschehen, zwischen der Firma Merck und einer parastaatlichen Organisation (INBio) in Costa Rica. Das Bestreben der einschlägigen Unternehmen, sich Patente zu sichern, soll künftig dazu führen, daß die Bauern in den Entwicklungsländern für die von ihnen in Generationen gepflegten und ständig verbesserten Sorten Anbaugebühren bezahlen sollen. Biotechfirmen sichern sich hierfür mittels Patentierung die Eigentumsrechte.

BUNDforderungen

Politischer Druck auf die Regierungen von Ländern, die zulassen, daß verfügbare Nahrungsmittel Unterversorgte nicht erreichen.

Vorrang der Lebensmittelproduktion vor der Erzeugung von Industrierohstoffen

Vorrang des Anbaus von "food crops" vor Anbau von "cash crops"

Sicherung der Rechte der indigenen Völker an der Nutzung der genetischen Ressourcen

Fairer statt freier Handel

Veränderung des Konsumverhaltens in den Industrieländern, insbesondere fleischärmere Ernährung

 

Kapitel VIII: Wirtschaftsfaktor Bio- und Gentechnik

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Die Bio- und Gentechnologie wird als eine der zukunftsweisenden Querschnittstechnologien bezeichnet. In Hochglanzbroschüren der Industrie, der (alten) Bundesregierung, von Technologieagenturen und -zentren, Wirtschaftsförderungsagenturen und Forschungseinrichtungen wird in der ein oder anderen Form behauptet, daß sie als eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhundert Auswirkungen auf die Hälfte des Weltsozialprodukts haben wird. Darum werden auch enorme finanzielle Anstrengungen unternommen, um diese Technologie zu fördern und zu unterstützen.

Richtig an dieser Behauptung ist, daß hinter den verschiedenen Einsatzbereichen enorme Märkte und viel Geld stehen.

Der Einsatz der modernen Biotechnologie erfolgt in den Branchen Pharma und Diagnostika, Chemie, Agrar- und Lebensmittelindustrie sowie im Umweltbereich. Zusätzlich kommen Zuliefer- und Dienstleistungsindustrien dazu.

Es handelt sich um eine typische Querschnittstechnologie, keinen abgrenzbaren Industrie- oder Handelszweig. Sie wird in kleinen, mittleren und vor allem grossen Unternehmen (z.B. BAYER, BASF, Hoechst, Schering, Zeneca, DuPont, Monsanto, Novartis), die sich als Life Sciene Unternehmen bezeichnen, eingesetzt.

Nur zum Teil werden neuartige Produkte entwickelt. In der Regel geht es um Substitution existierender Produkte unter bestehendem Kostendruck und Wettbewerb durch Einsatz von dementsprechenden Rationalisierungspotentialen. Die F&E-Strategien der Pharmakonzerne machen deutlich , dass es, im Gegensatz zu den Versprechungen, vor allem um große Märkte und nicht um Bedürfnisse und die Entwicklung von ansonsten nicht realisierbaren Medikamenten geht.

Die früheren Schätzungen über weltweite Umsätze im Bereich der modernen Biotechnolgie, die noch zu Beginn der neunziger Jahre bereits für das Jahr 2000 Umsätze jenseits der 100-Milliarden-Dollar-Schwelle prophezeit hatten, wurden 1990 von der Senior Advisory Group on Biotechnology, einer Lobbygruppe des Europäischen Chemieverbandes verbreitet und in nahezu allen Veröffentlichungen (z.B. Forschungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) 1996) übernommen. Diese Annahmen sind inzwischen mit 30 Milliarden Dollar (Ernst & Young, 1995, Prognos 1996) deutlich nach unten korrigiert worden. 90% werden dabei im Pharmabereich erzielt.

Ende der achtziger Jahre verlegten die meisten deutschen Großunternehmen ihre biotechnologische Forschung und Produktion in die USA. Dort konnten sich, bedingt durch das amerikanische Unternehmermodell und den leichten Zugang zu Risikokapital (Venture Capital) bereits seit Anfang der achtziger Jahre eigenständige, ausschließlich auf Gentechnik fokussierte Unternehmen erfolgreich etablieren.

Umsätze und Arbeitsplätze in Deutschland

In Deutschland gab es in den letzten drei Jahren eine rasante Aufholjagd mit vor allem öffentlichen Forschungs-, Kapital- und Risikofondgeldern, eine Biotech-Landschaft nach US-amerikanischem Vorbild zu gestalten. Auslöser war der BioRegio Wettbewerb des ehemaligen Forschungsministers Rüttgers. Inzwischen gibt es in Deutschland über 400 kleine und mittelständische Unternehmen mit Biotechnologie-Aktivitäten. Jährlich unterstützt das Bundesforschungsministerium die Gen-Forschung mit einer Millarde DM. Die Gesamtforschungsausgaben lagen 1998 bei 3,3, Mrd. DM. Rund eine weitere halbe Mrd. DM steuern die Bundesländer sowie die Europäische Union bei.

Momentan ist die Wirtschaftskraft der deutschen Biotech-Industrie jedoch geringer als die eines mittelgroßen Unternehmens aus dem Bereich Maschinenbau. Etwas über 11.000 Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen erwirtschaften einen Brutto- Umsatz von knapp 2 Milliarden DM, weisen aber gleichzeitig Aufwendungen für Forschung und Entwicklung von über 450 Mio. DM und hohe Betriebsverluste auf (Schitag Ernst & Young, Erster Deutscher Biotechnologie Report '98, 1998)

Wirtschaftlich erfolgreich?

Im Sommer 1996 werden Bt-produzierende Baumwollpflanzen der Firma Monsanto z.T. vollständig durch den Schädling gefressen, gegen den sie sich gentechnisch schützen sollen. Während Monsanto als Ursache für den Verlust das unvorhergesehene starke Auftreten des Schädlings verkündet, meldet z.B. das deutsche Fachblatt top-agrar, daß bereits in Vorversuchen eine ungenügende Resistenz ermittelt wurde.

Im Frühling 1997 mußte der Saatgutkonzern Limagrain in Kanada 60.000 Sack mit transgenem, glyphosatresistentem Rapssaatgut zurückrufen, welches er für Monsanto gezüchtet hatte. Mit dieser Menge sollte etwa 7 % der Rapsfläche Kanadas bestellt werden. In dem Raps befand sich überraschenderweise eine nicht genehmigte Version des Resistenzgens. Bis heute ist nicht geklärt, wie den Firmen ein solcher "Gentausch" unterlaufen konnte, die von sich behaupten, jegliches Risiko unter Kontrolle zu haben. Die Rückrufaktion wird als die vermutlich größte in der Geschichte des Saatguthandels eingestuft und soll den Firmen und Farmern einen Verlust von etwa 36 Mill. US-$ eingebracht haben.

Im Sommer 1997 zeigten glyphosatresistente Baumwollpflanzen der Firma Monsanto in vier Staaten der USA (knapp 2% der RR-Baumwoll-Fläche) Wachstumsstörungen nach dem Herbizideinsatz und warfen die Baumwollkapseln ab. Als Ursache gab Monsanto eine ungewöhnlich naß-kalte Witterung an, trotzdem zahlte der Konzern außergerichtlich etwa 5 Mill. US-$ Schadensersatz an 55 Farmer. Drei Farmer riefen eine Schiedsstelle an, die Monsanto zur Zahlung weiterer 1,9 Mill US-$ aufforderte. Im Jahr 1998 wiederholten sich ähnliche Vorfälle. Monsantos Saatutfirma Delta & Pine Land nahm nun 5 von 14 Sorten RR-Baumwolle vom Markt. Unabhängige Experten wiesen die neuen Erklärungen Monsantos, die Ursache in zu hohen Nachttemperaturen und Schädlinge zu suchen, zurück und gaben den Rat: "Ein Weg ist, einige traditionelle Sorten zu pflanzen. Der andere Weg besteht darin, Roundup Ready Baumwolle mit konventioneller Herbizidspritzung ohne Roundup anzubauen.".

Ebenfalls gelten bisherige Schätzungen zu den Arbeitsmarktauswirkungen als zu optimistisch. Noch 1995 behauptete das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Die Biotechnologie im Jahre 2000 "wird in der Europäischen Union direkte Auswirkungen auf 9% der Bruttowertschöpfung und 8% der Beschäftigten haben. Dies entspricht 450 Milliarden ECU Wertschöpfung und rund 9 Millionen Arbeitsplätzen" (BMBF-Pressemitteilung 10.10.1995). Die aktuellen Zahlen indes werden in Europa mit 17.000 Beschäftigten beziffert (96er Jahresbericht über die Europäische Biotechnologie-Industrie von Ernst & Young, European Biotech 96, London 1996) und für Deutschland schätzte Prognos 1996 für das Jahr 2000 maximal 100.000 Arbeitsplätze, davon die Hälfte durch Zulieferer und Dienstleister. Diese Betrachtung ist jedoch keine Nettorechnung, da Verluste durch Rationalisierung und Substitution nicht untersucht wurden. Von einer Job- Maschine kann also nicht die Rede sein. Selbst Prognos bezeichnet dieTechnologie "unter dem Strich als Arbeitsplatzvernichter" (VDI-Nachrichten vom 21.02.1997).

Zum Teil sind die vorgelegten Zahlen auch aufgrund der Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen traditioneller Biotechnologie einerseits (klassische Fermentationen oder Abwasserreinigung zum Beispiel), und moderner Biotechnologie (die auch gentechnische Verfahren einschließt) andererseits, schwierig zu interpretieren.

Patentierung

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Am 30. Juli 1998 trat die europäische "Richtlinie über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen" in Kraft. Nun können auf alle Bestandteile des Lebens - das Erbmaterial, Zellen, ganze Tierarten und Pflanzensorten sowie Teile des Menschen - Patente vergeben werden. Ursprünglich hatte das Europäische Parlament den rechtlichen und ethischen Bedenken gegen eine Kommerzialisierung des Lebens Ausdruck verliehen und die erste Fassung abgelehnt. Die massive Lobby- Kampagne der biotechnischen Industrie und die Drohungen mit Auswanderung und Arbeitsplatzverlusten zeigten jedoch ihre Wirkung und ließen Bedenken und Fragen der Ethik, Menschenwürde und des Umweltschutzes offenbar als zweitrangig erscheinen.

Neben der Frage der zunehmenden Kommerzialisierung im Pharmabereich durch die jetzt bestehende Möglichkeit der Patentierung von Heil- und Diagnoseverfahren sind aber auch die Auswirkungen auf die genetische Vielfalt und die drohende Enteignung von Ländern der Dritten Welt problematisch. Bereits heute entfallen auf lediglich ein gutes Duzend Firmen 80% der Patente auf gentechnisch erzeugte Pflanzen, die weltweit als die wesentlichen Grundnahrungsmittel dienen. Der Hauptanteil der Arten und Sorten für die Nahrungsmittelproduktion stammt aus geographischen Verbreitungsgebieten, die eine hohe genetische Vielfalt haben. Sie liegen meist in Dritte-Welt-Ländern.

Zu befürchten ist, dass durch den jetzt möglichen Patentschutz von Lebewesen Handelsmonopole geschaffen werden, die die Verwendung für weitere Züchtungen verhindern bzw. die Weiterzüchtung landwirtschaftlicher Produkte nur gegen hohe Lizenzgebühren erlauben. Da nur breit vermarktbare Hochleistungssorten das Interesse der Saatgutindustrie finden, wird so auch die Anzahl tatsächlich angebauter Sorten stetig vermindert.

Sozioökonomische Folgen im landwirtschaftlichen Bereich

Durch das Bestreben großer Chemiefirmen, Saatgutunternehmen aufzukaufen, werden kleinere Züchter zur Aufgabe gezwungen und die großen Saatgutgesellschaften der internationalen Konzerne begünstigt. Der Landwirt wird zu einem Gehilfen und Ausführenden der Strategien und Anweisungen der Konzerne degradiert. Forschung und Entwicklung, Produktion und Verkauf werden so an einer Stelle konzentriert. Saatgut, Pflanzenschutzmittel und das know-how der Anwendung können so als Kombipaket verkauft werden. Kommerzielle Einbußen sind vor allem bei kleinen landwirtschaftlichen Betrieben und im Ökologischen Landbau zu erwarten.

BUNDforderungen

Umorientierung in der staatlichen Forschungsförder- und Regulierungspolitik

Keine Patentierbarkeit von Pflanzen, Tieren und Menschen sowie Teilen davon

Sozio-ökonomische Folgen müssen als weiteres Zulassungskriterium bei der anstehenden Novellierung des Gentechnikgesetzes berücksichtigt werden

Wir wollen nicht das Diktat des Marktes, sondern eine an den Kriterien der Zukunftsfähigkeit ausgerichtete Entwickung auch im Bereich der Biotechnologie, das heißt es müssen gleichwertig ökonomische, ökologische und soziale Kriterien erfüllt werden.