|

Die meisten Seiten sind noch im
Aufbau!
|Baustellen|

|Das
Neueste|
| |
Die Fusion von
Hoechst und
Rhône-Poulenc:
Avantis,
Aventis,
Adventis?
Zeitungen:
Frankfurter Rundschau
Süddeutsche Zeitung
taz - die tageszeitung
Themen:
Deckname Europa
Das Unternehmen Moses
Größenwahn
|
Um den Namen der Fusion gab
es Verwirrung: anfänglich war bei allen Zeitungen "Avantis" angekommen. Schon
am nächsten Tag hieß es "Aventis". Einige hörten eher "Adventis".
Die Süddeutsche Zeitung benutzte alle drei Namen in einem einzigen Artikel. Eine Anfrage bei Hoechst Schering Agrevo behob nicht etwa die
Verwirrung, sondern steigerte sie: "Arventis" sei der richtige Name.
Sehr geehrter Oelk,
ich hatte
Sie am Samstag abend in Berlin nach den Gründen für die Wahl des Namens
"Aventis" gefragt. Sei meinten, "Aventis" sei der schon länger
existierende Name eines bestehenden Unternehmensteiles oder einer Tochterfirma.
Der Presse
entnehme ich heute, daß der Name "Avantis" bereits existierte. Mehrheitlich
wird aber als Name der neuen Firma "Aventis" genannt. Wenn "Avantis"
der Name der bereits bestehenden Teilfirma war und "Aventis" der Name für die
Fusion aus Hoechst und Rhone-Poulenc, dann ist meine Frage nicht
beantwortet.
Bitte teilen
Sie mir mit, ob der Name der bestehenden Teilfirma "Avantis" oder
"Aventis"
war, und falls "Avantis", aus welchen Gründen der Name "Aventis"
gewählt
wurde.
Im Voraus
herzlichen Dank
Mit
freundlichen Grüßen
G. Hofmann
Lieber Herr Hofmann,
in der Zwischenzeit haben Sie sicher schon einige Presseberichte gelesen und
festgestellt, daß der Name der neuen Firma Arventis ist. Der Name der alten Firma hieß
Arventis Forschung und Technologie, die fast zu 100% im auftrag der Hoechst AG Holding
arbeitete und aus der früheren Zentralforschung hervorgegangen ist. Die Namenswahl hat
man soweit mir bekannt ist getroffen, da man schnell und mit A einen Namen wollte, dessen
Rechte schon geprüft waren. Von AgrEvo hat die Firma dieses und viele andere Details
gelernt.
Mit bestem Gruß
Michael M: Oelck
Bis zum 28. Dezember waren im Internet keine Berichte zu finden,
die den Namen "Arventis" benutzten. |
|
|
Frankfurter
Rundschau
|
Seitenanfang |
|
Hoechst/Rhône-Poulenc
Fusion in zwei Schritten
PARIS/FRANKFURT A. M. (rb/rtr). Der geplante Zusammenschluß des
Hoechst-Konzerns mit Rhône-Poulenc in Frankreich zur größten Life-Science-Gruppe der
Welt wird offenbar in zwei Schritten umgesetzt. Zunächst sei die Gründung eines
Gemeinschaftsunternehmens namens Avantis
(bislang die Bezeichnung für die Ingenieursparte von Hoechst) für das Pharma- und
Agrochemiegeschäft vorgesehen, heißt es in Kreisen der beteiligten Firmen. Nachdem sich
beide Unternehmen von ihren Chemieaktivitäten getrennt haben, solle bis zum Jahr 2001 die
volle Fusion folgen.
Heute wollen die Konzerne die Öffentlichkeit auf einer
Pressekonferenz in Straßburg informieren. Die Frankfurter Belegschaft wird am Mittwoch
auf einer Betriebsversammlung unterrichtet.
Nach den Informationen soll Hoechst-Chef Jürgen Dormann das in
Straßburg angesiedelte Gemeinschaftsunternehmen leiten, Rhône-Poulenc-Boß Jean-René
Fourtou sein Stellvertreter werden. An Avantis
sollen Hoechst und der französische Partner je 50 Prozent der Anteile halten. Avantis kommt auf einen Umsatz von mehr als 115
Milliarden Franc (knapp 35 Milliarden Mark). Damit stünde es auf einer Stufe mit Novartis
aus der Schweiz.
Das neue Unternehmen soll einen Aufsichtsrat ähnlich einer deutschen
Firma bekommen. Die hiesigen Gewerkschaften befürchten, daß die weitergehende deutsche
Mitbestimmung durch die Verlagerung über den Rhein unterlaufen wird. Der gemeinsame
Pharma-Zweig soll allerdings in Frankfurt angesiedelt sein und von dem Amerikaner Richard
Markham, gegenwärtig Chef von Hoechst Marion Roussel, geleitet werden. Dagegen müßten
von der Berliner Agrevo etliche Leute umziehen, da die Agrarchemie ihren Sitz in Lyon
haben soll.
Anfangs dürften die beiden Muttergesellschaften ihre
Börsennotierungen beibehalten, weil ihre derzeitige Marktbewertung nicht mit der
künftigen Avantis-Struktur im Einklang
steht. Die Marktkapitalisierung von Rhône-Poulenc belief sich zum Schlußkurs vom Freitag
auf umgerechnet 32,6 Milliarden Mark, die von Hoechst auf 43,7 Milliarden.
Die Verlobungsphase bis zur vollständigen Fusion gäbe Rhône-Poulenc
Zeit, sich von ihrem 68prozentigen Anteil an der Spezialchemie-Tochter Rhodia zu trennen,
während die Frankfurter den Rest ihrer Chemie-Aktivitäten verkaufen könnten. Beide
Unternehmen gaben keine weiteren Informationen preis.
Die Börsen reagierten negativ auf die Neuigkeiten.
Rhône-Poulenc-Anteile fielen in Paris gestern um drei Prozent auf 284 Franc. Hoechst
büßten in Frankfurt gut zwei Prozent auf 72,80 Mark ein. Französische Analysten
begründeten den Rückgang mit der Enttäuschung darüber, daß nicht sofort eine
vollständige Fusion geplant sei und Hoechst offenbar die Oberhand behalte. Ein
Frankfurter Händler erklärte, bei Hoechst wirkten sich Gewinnmitnahmen und der geplante
Wechsel des Firmensitzes ins Ausland aus.
Derweil wächst bei den Gewerkschaften die Sorge um die Jobs. Hubertus
Schmoldt, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie, nennt auch im Namen seiner
französischen Kollegen, drei Bedingungen für eine Zustimmung: "Erhalt der
vorhandenen Arbeitsplätze in Deutschland und Frankreich", Forschung und Entwicklung
sollten "in den Unternehmen erhalten und ausgebaut" werden, schließlich
müßten die Beschäftigten des neuen Konzerns "entsprechende
Mitbestimmungsmöglichkeiten" bekommen.
[ dokument info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 1998
Dokument erstellt am 30.11.1998 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 01.12.1998 |
Seitenanfang |
|
Hoechst und Rhône-Poulenc verordnen sich Fusion
Gigant für Pharma und Landwirtschaft wächst in zwei Etappen /
"Sozial verantwortlicher" Stellenabbau geplant
mic FRANKFURT A. M. Hoechst und die Rhône-Poulenc-Gruppe schmieden
das größte Unternehmen der Welt für Medikamente und Biotechnologie (Life Sciences). Der
Frankfurter Jürgen Dormann (links im Bild) und sein französischer Kollege Jean-René
Fourtou (rechts) besiegelten gestern das Projekt und bestätigten damit wochenlange
Spekulationen. Der neue Riese namens Aventis wird wie vermutet in
Straßburg angesiedelt. Zuerst koppeln die Manager die Sparten Pharma und Landwirtschaft
aneinander, die 34 Milliarden Mark pro anno erlösen. Im Jahr 2001 soll die
Komplett-Fusion folgen, möglichst in der neuen Rechtsform der Europa AG. Zuvor wird
jeweils das verbliebene Industriechemiegeschäft abgestoßen. Die Namen Hoechst und
Rhône-Poulenc verschwinden in maximal drei Jahren, bis zu diesem Zeitpunkt firmieren die
Muttergesellschaften unter Aventis Hoechst und Aventis
Rhône-Poulenc. Die Aktionäre werden im ersten Halbjahr 1999 über das Projekt
entscheiden, etwa im Juli ist der Start geplant. Dann bleibt von dem Frankfurter Konzern
kaum noch etwas übrig.
Die Auswirkungen auf die zusammengefaßt 95 000 Arbeitnehmer wollten
die Chefs, die bei der Pressekonferenz im Elsaß ihr gutes persönliches Verhältnis
herausstrichen, nicht beziffern. Dormann erklärte lediglich, alle Schritte würden in
enger Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern getan: "Wo immer
Stellenreduzierungen nötig sind, werden wir alle Möglichkeiten und innovativen Wege
nutzen, wie Fonds-Lösungen, um die Restrukturierung auf sozial verantwortliche Weise zu
gestalten". Der Finanzchef der Franzosen, Patrick Langlois, rechnet mit
Restrukturierungskosten in Höhe von zwei Milliarden Dollar. Die Deutsche Bank, die 5500
Stellen streichen möchte, hatte bei ihrem tags zuvor angekündigten Kauf von Bankers
Trust diesen Posten mit der Hälfte angesetzt. Von der Fusion der Kerngeschäfte
versprechen sich beide Chemie-Konzerne Einsparungen von 1,2 Milliarden Dollar per annum.
Dormann verteidigte nochmals sein Projekt, den ehemaligen
Industriechemie-Konzern Hoechst auf Pharma und Landwirtschaft umzupolen. Die Nachfrage
nach diesen Produkten steige ständig, da die Weltbevölkerung wachse und der
Lebensstandard sich erhöhe. Zudem sei die Biotechnologie das zur Zeit am schnellsten
wachsende Wissensgebiet. Fourtou erklärte, er habe an die Möglichkeit einer Fusion schon
Anfang der neunziger Jahre gedacht. Letztlich habe jedoch der Frankfurter vor drei Jahren
die Initiative ergriffen, indem er ihn mit seiner Frau zu einem Besuch von Heidelberg
eingeladen habe. Zuletzt hätten sie "natürlich" das Endspiel der
Fußball-Weltmeisterschaft gemeinsam angesehen.
Aventis soll nach Darstellung von Dormann zu gleichen
Teilen den Partnern gehören. Die Pharma-Sparte mit Sitz in Frankfurt bündelt alle
Engagements bei Arzneimitteln, Impfstoffen, Plasmaerzeugnissen und Diagnostika. Jeweils
eigenständige Unternehmen sollen die Produkte betreuen, die nach seinen Angaben 11,2
Milliarden Dollar Umsatz erreichen. Mit einem Anteil von 4,6 Prozent nehme der neue
Ableger den zweiten Rang auf dem Weltmarkt hinter dem US-Konzern Merck ein. Er könne pro
Jahr 2,5 Milliarden Dollar in die Forschung pumpen und bis 2002 maximal 30 neue Produkte
auf den Markt werfen. Die Position in den USA sei dabei, mit Blick auf die große
Bedeutung dieses Marktes, immer noch zu schwach, kritisierte Dormann.
Das zweite Standbein Landwirtschaft stützt sich auf Pflanzenschutz,
Saatgut, Biotechnologie, Tiergesundheit und -ernährung. Als wichtigstes Element gilt die Aventis
Crop Science mit Sitz in Lyon. Das Unternehmen übernimmt nach Worten Dormanns weltweit
die Marktführerschaft, es ernte jährlich 4,5 Milliarden Dollar. Die Deutschen docken
dort die Firma Agrevo an, an der Schering 40 Prozent hält. Die Berliner wollen an ihrem
Engagement festhalten und kündigen dementsprechende Verhandlungen an. Von Lyon aus
gesteuert werden außerdem die Einheiten Aventis Nutrition, die das
Tierernäherungsgeschäft von Rhône-Poulenc übernimmt, und Merial, ein weltweit
dominierendes Joint-venture zwischen Rhône-Poulenc und Merck zur Tiergesundheit. In der
letzten Sparte bleibt Hoechst mit Roussel Vet ein Konkurrent. Nutrinova als Spezialist
für Lebensmittelzusatzstoffe verläßt den deutschen Boden nicht.
Entsprechend dem Umsatzvolumen übernimmt Dormann den Vorsitz des
vierköpfigen Aventis-Vorstands. Neben Fourtou als Stellvertreter
erhalten noch der Franzose Igor Landau und der Hoechst-Vorstand Horst Waesche einen Platz.
In einem erweiterten Gremium, das als "Executive Committee" stärker die
Alltagsgeschäfte steuern soll, sitzen neben dem Quartett noch Alain Godard (Chef Aventis
Agriculture), Richard Markham (Chef Aventis Pharma), Langois (Finanzen),
René Penisson (Personal) und Klaus-Jürgen Schmieder (verantwortlich für Integration).
Marc Viénot wird Aufsichtsratschef, der Hoechst-Vorstand Martin Frühauf Stellvertreter.
Eine einheitliche Führung bei Aventis Hoechst soll einen reibungslosen
Übergang sichern. Daher sind dort der genannte Aventis-Vorstand
vertreten, hinzu kommt Schmieder. Er organisiert den Verkauf der Industriebeteiligungen.
Siehe Kommentar
[ dokument info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 1998
Dokument erstellt am 01.12.1998 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 02.12.1998 |
Seitenanfang |
|
Nicht das Werk ist Heimat, sondern der Globus
Vorbei die Zeiten, da Firmen wie Hoechst Identität stifteten und
Arbeitsplätze sicherten - es wird fusioniert
Von Axel Vornbäumen (Straßburg)
Mag sein, das war wieder so ein Schritt - was sich da an diesem
Dienstag im Saal "Les Contades" des Straßburger Konferenzzentrums "Palais
de la Musique et des Congres" abgespielt hat. Ein Schritt auf dem Weg in diese neue
Welt, die Sozialforscher und Kulturpessimisten demnächst von einer "globalen,
kosmopolitischen Gesellschaft" bevölkert sehen. Eine Welt, regiert von
weltumspannenden Konzernen, kaum mehr zu kontrollieren von überforderten Parlamentariern
oder hilflosen nationalen Regierungen, unübersichtlich, undurchschaubar. Eine Welt voller
Synergieeffekte und schwindender Identifikationsmöglichkeiten. Eine Welt, in der sich der
einzelne nicht mehr einbilden muß, sein ganzes Leben in dem Land zu verbringen, in dem er
geboren wurde, geschweige denn sein Arbeitsleben bei der Firma, die ihn ausgebildet hat.
Vielleicht hat in der Tat die Welt ja wieder ein bißchen mehr Tempo
aufgenommen an diesem Tag, an dem im Elsaß die beiden Chemiekonzerne Hoechst und
Rhône-Poulenc offiziell genau das bekanntgaben, was die Spatzen längst von den Dächern
gepfiffen haben: den ersten von zwei Fusionsschritten auf dem Weg zu einer neuen
Life-Sciences-Gruppe, wie das in der Fachsprache heißt; ein deutsch-französischer
Pharma-, Pflanzenschutz- und Tiergesundheit-Riese, der mit Chemie ungefähr soviel zu tun
haben wird, als daß die auch noch irgendwo vorkommt. Im Elsaß wurde der hehre
Plan natürlich deshalb verkündet, weil dieser Platz so schön als Symbol für
deutsch-französische Zusammenarbeit dienen kann, aber auch wohl ein bißchen deswegen,
weil die neue Gesellschaft französischen Rechts mit Sitz in Straßburg nicht deutschen
Mitbestimmungsregeln unterliegen wird.
Immerhin, wenn das ein Trost sein mag, die Rituale, den Eintritt in
ein neues Zeitalter zu verkünden, sind unverändert geblieben: Noch orientieren sie sich
an den Erfordernissen dieser vor-kosmopolitisch gebliebenen Medienwelt. Da stehen sie also
und müssen, weil die Fotografen ihr Recht verlangen, die Verlegenheitspausen
überbrücken mit allerlei Mimik und Gestik, die Herren Jean-René Fourtou, Vorsitzender
von Rhône-Poulenc, und Jürgen Dormann, Vorstandschef von Hoechst: mit Händen in den
Hosentaschen, mit sich schüttelnden Händen, mit geballten Fäusten, Dynamik und
Schaffenskraft andeutend. Vorn auf dem Podium mehren sich die Schweißperlen, weil das
Scheinwerferlicht seinen Tribut fordert; von links klappern die Kellner, weil solche
Ereignisse noch immer von einem kalten Buffet begleitet werden; und rechts kauern die
Dolmetscher, weil nicht jeder im Saal mit den kosmopolitischen Gepflogenheiten kompatibel
ist. Und nur wer genau hinsieht in diesem Moment, der bemerkt an der weißen Farbe seiner
Fingerknöchel die Anspannung bei Jürgen Dormann, dem Erfinder des charmant-zynischen
Bonmots von der "selbstgesteuerten Zellteilung", mit dem er den einstigen
Frankfurter Konzern in den vergangenen Jahren bis zur Unkenntlichkeit zerlegt hat, von
Dormann also, dem neuen Vorstandschef von Aventis.
Aventis? Ja, Aventis, wie das klingt. Nach Dynamik, Abenteuer,
Innovation, Offenheit und Zukunft. All das und noch viel mehr, findet
Jean-René Fourtou an diesem "für unsere beiden Unternehmen besonderen Tag", an
dem sich dem Vernehmen nach zwei Gleiche zusammenschließen werden, die in mutmaßlich
drei Jahren komplett miteinander verschmelzen sollen. Hoechst wird dann der Vergangenheit
angehören, auch als Firmenname. Als identitätsstiftendes Markenzeichen im Sinne der
einstigen "Rotfabriker" ist es längst verschwunden.
Warum? Um Marktpositionen qua Größe zu besetzen auf einem Sektor,
auf dem Wachstumswerte erwartet werden wie bei der Züchtung von Kulturen im Reaganzglas
unter angenehmen Zimmertemperaturen. Nichts, glaubt Dormann, werde sich derart rasant
entwickeln wie die Biotechnologie. Dafür und damit aus der Hochzeit nach einer
erquicklichen Verlobungszeit auch etwas wird, muß man sich von bisherigen
Lebensabschnittspartnern trennen. Die chemischen Industriebetriebe, soviel steht fest,
werden ausgelagert. "Wir sind ohnehin schon ein wenig spät dran", beschied der
designierte Aventis-Chef einen Frager, weshalb die Restrukturierung der
in ihren Produktpaletten recht ähnlichen Konzerne denn demnächst geschehen müsse. Zwei
Milliarden Dollar wird dies im ersten Rutsch kosten.
Meine Heimat - der Globus. Zwar bewegen sich, gemessen an der
Bilanzsumme der am Montag in Frankfurt verkündeten Finanzfusion von Deutscher Bank und
Bankers Trust, die Umsatzzahlen der beiden Pharma-Konzerne im erweiterten Peanutsbereich -
und doch: Was da im Reagenzglas global denkender Konzernchefs zusammengemixt wurde, das
hat das Zeug zu einem wuchtigen Life-Sciences-Gebilde. Aventis, das haben
die Fusioneure flugs ausgerechnet, hätte 1997 einen Pro-forma-Umsatz von 20 Milliarden
US-Dollar gemacht (demnächst und realiter werden diese Zahlen in Euro angegeben). Nicht
schlecht. Ansonsten? Spitzenplätze allenthalben: erster bei den Forschungsausgaben auf
dem Pharmasektor, erster bei der Forschung in Sachen Pflanzenschutz, dort auch erster beim
Umsatz. Schließlich: zweiter beim Umsatz im Medikamentengeschäft, knapp hinter dem
Marktführer, dem US-Konzern Merck. Dem soll insbesondere in Sachen Pharmaprodukte vor
dessen Haustür eingeheizt werden. Das schafft man nicht als Zwerg. Da mag es ein Klecks
auf dem weißen Laborkittel sein, daß das Life-Sciences-Geschäft der Fusionsanwärter
gegenwärtig Schulden von 14 Milliarden Dollar aufhäufelt.
Macht aber nichts. Die alten Konzernchefs rechnen für ihr neues
Life-Sciences-Konstrukt mit "Synergieeffekten", die sich, nach einer
dreijährigen Anlaufzeit, pro anno auf 1,2 Milliarden Dollar belaufen sollen. Was man
darunter verstehen muß, wissen die Arbeitnehmervertreter beiderseits des Elsaß genau,
auch wenn die neuen Aventis-Herren in diesem Zusammenhang lieber auf die
Möglichkeiten verweisen, die eine konzentrierte Forschung eröffnet: die schnellere
Plazierung der neugeschaffenen Produkte am Markt.
Doch "Synergieeffekt", das heißt immer auch
Arbeitsplatzabbau in dieser globalisierten Welt. Ob er eine Fusion auf der Welt kenne, die
keine Arbeitsplätze gekostet habe, ist der Betriebsratsvorsitzende von Hoechst Marion
Roussel Deutschland, Arnold Weber, kürzlich von der FR gefragt worden. Nein, hat
da Weber gesagt, da falle ihm keine ein.
So wird es auch diesmal sein. Etwas verschämt heißt es dazu in zwei
Sätzen der ansonsten hoch optimistisch gehaltenen neun Seiten starken Pressemitteilung
von Rhône-Poulenc und Hoechst: "Die Umsetzung dieser Synergien wird voraussichtlich
auch zu Stellenstreichungen führen. Hoechst und Rhône-Poulenc haben das Ziel, die damit
verbundenen Entscheidungen sozialverträglich zu gestalten, und werden in einen offenen
Dialog mit den Mitarbeitern und Arbeitnehmervertretungen eintreten, sobald sich diese
Entwicklungen konkretisieren." Die französische Gewerkschaft CGT hat schon
machtvolle Proteste angekündigt. Im Straßburger Kongreßzentrum fielen die an diesem
Dienstag freilich eher bescheiden aus. Ein Häuflein von zehn Leuten hielt vor
verschlossenen Türen ein Transparent hoch.
Drinnen, im Saal "Les Contades", gab Jürgen Dormann schon
einmal eine Kostprobe davon, was ihm "sozialverträglich" bedeutet. Was das denn
nun in konkreten Zahlen heiße, wurde der Hoechst-Chef gefragt. Dies zum gegenwärtigen
Zeitpunkt zu benennen, gab Dormann zurück, sei "unverantwortlich".
[ dokument info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 1998
Dokument erstellt am 01.12.1998 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 02.12.1998 |
Seitenanfang |
|
Kommentar
Abenteuer
Von Roland Bunzenthal
Wir müssen unser Bild von Herrn Dormann revidieren. Für kurze Zeit
glaubten wir, der jetzige Hoechst- und künftige Aventis-Chef sei nicht von
dem unter internationalen Topmanagern im allgemeinen und denen der Pharmabranche im
besonderen grassierenden Größenwahn befallen. Dieser Zweifel beschlich uns, als
Dormann in den vergangenen zwei Jahren ein Firmenstück nach dem anderen verscherbelte
oder verselbständigte. Jetzt wird klar, daß dies alles nur der Vorbereitung für den Sprung
an die Tabellenspitze der Life-Sciences-Branche diente - jenem Sammelsurium aus Pestizid-,
Pharma- und Nahrungsfirmen, das sich vor allem durch gemeinsames Interesse an der
Gentechnik definiert.
Die jetzige deutsch-französische Ehe kann denn auch
allenfalls psychologisch und kaum ökonomisch erklärt werden. Denn die unter
anderem als Begründung herangezogene kostenaufwendige Forschung kann auch auf andere
Weise Profitabilität entwickeln. Gerade in der Pharmaindustrie gibt es inzwischen ein
weltumspannendes Netz punktueller Kooperationen und Lizenzen, das ohne Kapitalverflechtung
funktioniert. Und das Zusammengehen zweier hochverschuldeter Firmen ist auch nicht gerade
eine Stärkungspille. Der Name "Aventis" erinnert vom
lateinischen Wortstamm her an "Abenteuer". Das ist die Fusion zweifellos - mit
Betonung auf "teuer".
[ dokument info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 1998
Dokument erstellt am 01.12.1998 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 02.12.1998 |
Seitenanfang |
|
taz - die
tageszeitung
|
Seitenanfang |
|
Avanti, Avantis
bei Hoechst
Durch die Fusion mit Rhone-Poulenc wird Hoechst zum größten
Pharmakonzern. Massiver Arbeitsplatzabbau in Deutschland und Frankreich befürchtet
Von Klaus-Peter Klingelschmitt
Frankfurt (taz) - Big boss Dormann goes big. Im Palais de
musique in Straßburg werden die Vorstandsvorsitzenden der Chemiekonzerne Hoechst und
Rhone- Poulenc, Jürgen Dormann und Jean-Rene Fourtou, heute die Fusion ihrer Unternehmen
zum Global player auf dem Markt für Life- Science-Produkte verkünden. Avantis soll das neue Unternehmen heißen, an dem
Hoechst und Rhone-Poulenc je 50 Prozent halten werden.
Come together, heißt die aktuelle Strategie der multinationalen
Konzerne. Doch bei Hoechst plus Rhone-Poulenc ziehen die Analysten Schnuten. "Das
wäre nicht gerade die einfachste Verschmelzung", äußerte sich ein renommierter
Analyst in London. Hoechst schiebe schließlich einen Schuldenberg von 15 Milliarden Mark
vor sich her und der von Rhone-Poulenc sei nicht viel kleiner. Dazu gebe es beim Portfolio
erhebliche Überschneidungen: Allergien, Krebs, Kreislauferkrankungen. Rhone-Poulenc
(Jahresumsatz 1997 17,5 Milliarden Mark) dürfte für Hoechst (22 Milliarden Mark), deren
Flaggschiff Hoechst Marion Roussell gerade bei der Entwickung neuer Produkte mit Problemen
kämpft, kein Garant für die von Dormann als "notwendig" bezeichnete
Erweiterung der Produktpalette sein.
"Erhebliche Überschneidungen" implizieren aber auch die
Chance auf eine Kostenreduzierung aufgrund von Synergieeffekten. Auf rund zwei Milliarden
Mark beziffern Aktienexperten das jährliche Einsparpotential. In Frankreich und
Deutschland beginnt zudem das große Zittern um die Arbeitsplätze. Die Analysten von
Standard & Poor's glauben immerhin auch, daß Hoechst und Rhone-Poulenc den
Herausforderungen eines "Pharmamarktes im Umbruch" und den Folgen der Reformen
in der Gesundheitspolitik in Europa und den USA "besser zusammen gewachsen sind als
alleine". Voraussetzung dafür bleibe allerdings die Konzentration beider Unternehmen
auf Life Science: Pharma, Pflanzenschutz, Tiergesundheit.
Dormann hat da vorgesorgt. Nicht zuletzt deshalb, weil auch Analysten
in Frankreich Rhone- Poulenc vor einer Liaison mit Hoechst gewarnt hatten, solange es in
Frankfurt unter dem Dach von Hoechst noch rauche und stinke - und es ab und an auch noch
zu imageschädigenden Explosionen komme. Vorbehaltlich der Zustimmung von Aufsichtsrat und
Hauptversammlung wird die alte Chemie mit ihren "negative implications"
(Standard & Poor's) rückwirkend zum 1. November 1998 von Hoechst abgekoppelt.
Schnuten ziehen auch die Beschäftigten. "Kein Kommentar",
so die lapidare Antwort von Dormann auf Fragen nach der Anzahl der Beschäftigten, die
nach vollzogener Fusion "freigesetzt" werden. Dabei quält die Betriebsräte bei
Hoechst seit Wochen die Angst um die Arbeitsplätze nicht nur wegen der bevorstehenden
Allianz, sondern auch wegen der neuen Celanese AG, in der die alten Chemieaktivitäten von
Hoechst gebündelt werden sollen. Auch Celanese in Frankfurt und Schwesterunternehmen
Ticona in Kelsterbach werden Fertigungslinien stillegen. Die Verluste, die Hoechst etwa
bei der Faserproduktion in den vergangenen Jahren eingefahren hat, würden sonst auch die
Bilanz der neuen Celanese verhageln. Selbst bei Hoechst Marion Roussel, dem Flaggschiff
(Pharma) im Konzern.
Die Belegschaft von Hoechst ist sauer. Denn Dormann redet
lieber mit den Analysten als mit den Betriebsräten. Fest steht bislang nur: Der
Firmensitz der neuen Holding wird Straßburg, Dormann wird Chef von Avantis, Jean-Rene Fourtou bekommt den Vizeposten. Was aber geschieht dann
mit den MitarbeiterInnen in Frankfurt? Wie viele Arbeitsplätze in den zur Holding
zählenden Unternehmen werden nach dem Zusammenschluß verloren gehen? Bleibt Hoechst
überhaupt noch in Frankfurt? "Besonders die eigentlich friedvolle Vorweihnachtszeit
ist in schlechter Hoechster Tradition wieder von Sorgen geprägt", klagten die
Betriebsräte von Hoechst Marion Roussell. "Dormann fährt Hoechst an die Wand",
konstatierte Hubertus Schmoldt, Vorsitzender der IG Chemie.
Hoechst goes big. Mit einem Umsatz von knapp 25 Milliarden
Mark auf dem Pharmasektor verdrängt Avantis den
US-Giganten Merck von der Pool-Position. Beim Pflanzenschutz wird das neue Unternehmen
hinter Novartis den zweiten Platz auf dem Weltmarkt einnehmen. Die "Godzilla-
Strategie" (Darmstädter Echo) wird durchgezogen. Daß Hoechst kein deutsches
Unternehmen sei, hatte Dormann schon bei seinem Amtsantritt konstatiert, schließlich sei
der größte Aktionär Kuwait. In Frankfurt glauben inzwischen alte Farbwerker, daß
Hoechst eines Tages auch kein Unternehmen in Deutschland mehr sein wird. Dann würde es
"endlich einen Radweg am Main entlang von Sindlingen über Hoechst und Griesheim bis
in die Innenstadt geben".
TAZ Nr. 5700 vom 01.12.1998 Seite 9 Wirtschaft und Umwelt 151 Zeilen
TAZ-Bericht K.-Peter Klingelschmitt
© Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags |
Seitenanfang |
|
2.000 Jobs bedroht
Gewerkschaft fürchtet Stellenabbau durch Fusion von Hoechst mit
Rhone-Poulenc
Straßburg/Frankfurt (dpa) - Der Frankfurter Hoechst-Konzern und die französische
Rhone-Poulenc wollen spätestens im Jahr 2001 zum weltgrößten Pharmakonzern mit dem
Namen Aventis verschmelzen. Als entscheidende Etappe sollen schon 1999 die Pharma-
und Agrargeschäfte beider Unternehmen unter dem neuen Namen gebündelt werden. Diesen
Plan präsentierten Hoechst-Chef Jürgen Dormann und Rhone-Poulenc-Chef Jean-Rene Fourtou
gestern am künftigen Sitz in Straßburg. Geleitet wird Aventis von Dormann als
Vorstandschef, Fourtou wird Vertreter.
Mit Aventis entsteht eines der weltweit
führenden Unternehmen auf den Arbeitsgebieten Pharma und Agrar, einem Forschungsbudget
von mehr als fünf Milliarden Mark sowie rund 34 Milliarden Mark Umsatz und 95.000
Beschäftigten. Dormann und Fourtou rechnen infolge der Fusion mit einem jährlichen
Einsparpotential von zwei Milliarden Mark. Dies werde "voraussichtlich auch zu
Stellenstreichungen führen".
Der hessische Vorsitzende der IG Chemie,
Rainer Kumlehn, der auch im Aufsichtsrat der Hoechst AG sitzt, befürchtet, daß rund
2.000 Stellen zur Disposition stehen könnten. Eine Standortgarantie für Deutschland und
Frankreich sei daher Voraussetzung für die Zustimmung der Gewerkschaft. Da in Frankreich
das deutsche Mitbestimmungsgesetz nicht gilt, hebelt die Aventis-Gründung nach
französischem Recht in Straßburg möglicherweise auch die hiesige Mitbestimmung aus.
TAZ Nr. 5701 vom 02.12.1998 Seite 5 Aktuelles 46 Zeilen
Agentur
© Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags |
Seitenanfang |
|
Süddeutsche Zeitung
|
Seitenanfang |
|
SZ vom 01.12.1998
Hoechst sucht das Abenteuer
Wenn die Pharma- und Agrochemie-Konzerne Hoechst und Rhone-Poulenc nun
Details ihres Bündnisses bekanntgeben, lassen sie sich auf ein Abenteuer ein. Dies
signalisiert schon der für das Gemeinschaftsunternehmen kolportierte Namen Aventis, der
seinen Ursprung bei dem Wort Aventiure haben dürfte, was wiederum für
"Abenteuer" oder eine "ritterliche Bewährungsprobe" steht.
Es ist ein gefährliches Abenteuer. Beide sind hochverschuldet und haben keine Renner in
ihren Pharma-Sortimenten.
Diese Nachteile sind keineswegs die einzigen Geburtsfehler des neuen
Multis, der sich gemessen am Umsatz, nicht etwa am Gewinn mit seinen
Geschäftsschwerpunkten in die Weltspitze katapultiert. In Deutschland und Frankreich gibt
es bereits die ersten Animositäten. Der Anlaß ist verständlich. Es geht um
Werksschließungen und um Stellenabbau. Daß es beim Personal von Aventis
tiefe Einschnitte geben wird, kann als sicher gelten. In vielen Tätigkeitsfeldern
überschneiden sich Hoechst und Rhone-Poulenc. Wo die Opfer anstehen, bleibt abzuwarten.
Die ritterliche Bewährungsprobe aber droht vor allem den Belegschaften.
Die künftige Firmenehe mit vorangehender Verlobungszeit bedeutet aber
auch einen Einschnitt in die deutsche Industriegeschichte. De jure bleibt der Name Hoechst
zwar noch erhalten. De facto aber geht er mit der Fusion unter. Das vom Management in der
Ära von Vorstandschef Jürgen Dormann hinausposaunte Projekt der Schaffung "einer
neuen Hoechst" ist endgültig gescheitert. Wurde Dormann 1995 nicht zum "Manager
des Jahres" gekürt? Abenteurertum und Mißmanagement liegen oft nahe beieinander.
haz.
Copyright © 1997 - Süddeutsche Zeitung. SZonNet 3.1 |
Seitenanfang |
|
SZ vom 03.12.1998
Die Fusion von Hoechst und Rhône-Poulenc: Strahlende Manager,
deprimierte Arbeiter
Eine Stadt ohne Tor und Brücke
135 Jahre lang war der Chemiekonzern in Frankfurt
weit mehr als nur ein Wirtschaftsfaktor nun löst er sich auf in ein heimatloses
Konglomerat
Von Cathrin Kahlweit und Harald Schwarz
Frankfurt, 2. Dezember Es gehört Mut dazu, an diesem Morgen in
der Jahrhunderthalle Hoechst aufs Podium zu klettern. Der Saal sind mehr als 5000
Menschen, er ist überfüllt und die Stimmung schlecht. Zwölf sichtlich gequälte Manager
stellen sich dem Unmut der Belegschaft, den Pfiffen, dem Hohngelächter, den Fragen. Ihre
Erklärungsversuche, warum das Traditionsunternehmen Hoechst nach der bevorstehenden
Fusion mit dem französischen Pharma-Konzern Rhone-Poulenc mit Sicherheit viel besser dran
sein wird, bleiben steif, blutleer, unsicher. Folien mit Texten wie
"Technologiegetriebene Veränderung der Wertschöpfungskette" oder Organigramme
mit den Namen Dutzender zukünftiger Manager interessieren an diesem Vormittag kaum
jemanden unter den Mitarbeitern der Hoechst-Firmen. Sie wollen wissen, was aus ihnen wird,
und warum das Ende "ihrer" Firma unumgänglich sein soll.
Von Vorstandschef Jürgen Dormann, der vor gut vier Jahren mit dem
Projekt "Aufbau 94" den Umbau des Konzerns und seine Zergliederung
einleitete, kommt keine Antwort. Er ist nicht erschienen. "Der war noch nie da, wenn
er der Belegschaft etwas erklären sollte", sagt eine Mitarbeiterin der
Pharma-Tochter Hoechst-Marion-Roussel (HMR) höhnisch. "Dann schickt er immer seine
Hofhunde vor." Also muß Vorstand Horst Waesche vor die 5000 treten und sich
auslachen lassen. Auslachen lassen für Sätze wie: "Im Rhein-Main-Gebiet wird die
Integration keine wesentlichen Auswirkungen auf die Beschäftigung haben." Oder:
"Persönlich stehe ich dafür ein, daß Entscheidungen nicht über die Köpfe der
Beschäftigten hinweg gefällt werden." Das habe man schon öfter gehört, brüllt
jemand, und eine empörte Dame ruft: "Der labert vielleicht ein blödes Zeug!"
Waesche will sich nicht festlegen in seiner Rede, ob die Fusion der zwei Konzerne
Arbeitsplätze kosten wird.
Deckname Europa
Sein Kollege Werner Maier, Vorstandsmitglied bei HMR, stellt sich
geschickter an. Der Standortvertrag, der bis 2002 betriebsbedingte Kündigungen untersage,
gelte weiterhin. Dafür erhält er Applaus. Aber glauben mag das trotzdem keiner.
"Wir haben Zweifel", sagt HMR-Betriebsrat Arnold Weber. "Sie haben uns in
den vergangenen Jahren schon mit anderen Dingen traktiert und sie nicht eingehalten."
Nach mehr als drei Stunden klettern die zwölf Herren relativ ungeschoren vom Podium und
schieben sich durch Seitenausgänge hinaus: Die Belegschaft wirkt resigniert, und die
Empörung verfliegt im Laufe des zermürbenden Motivationsmarathons der Manager.
Schließlich ist dies nicht die erste Versammlung, auf der tiefe
Einschnitte bei Hoechst verkündet und mit den Notwendigkeiten globaler
Wettbewerbsfähigkeit begründet wurden. "Ach", sagt eine Mitarbeiterin und
steckt sich eine Serviette mit dem Aufdruck "Jahrhunderthalle Hoechst" in die
Jackentasche, "irgendwie kommt mir das so bekannt vor."
Am Vortag war es im 300 Kilometer entfernten Straßburg lebhafter,
auch optimistischer zugegangen. Keine deprimierten Arbeiter, sondern wiederum eine Riege
strahlender Manager trat im Saal "Les Contades" des "Palais de la Musique
et des Congrès" auf. Flankiert wurde der Aufmarsch von einem Trupp Dolmetscher und
einem kalten Buffet mit Lachs und Elsässer Spezialitäten. Die Chefs von Hoechst und
Rhone-Poulenc, Jürgen Dormann und Jean-René Fourtou, verkündeten in diesem Ambiente das
Ergebnis des von ihnen bei einigen Gläsern Wein ausgeheckten Projektes, das unter dem
Decknamen "Europa" lief: die Fusion der wichtigsten Arbeitsgebiete ihrer
Unternehmen und damit die Geburt des neuen Pharma- und Pflanzenschutz-Giganten Avantis, der im Fachjargon als Life-Sciences-Konzern
tituliert wird. Faktisch bedeutet dies das nahende Ende der alten Hoechst AG nach 135
Jahren ihrer Existenz.
Daran aber verschwendeten die Konzernschmiede keinen Gedanken.
Irritierend nur der Auftritt des 58 Jahre alten Dormann, den Fourtou den "Vater der
Fusion" nannte. Dormann wirkte gesundheitlich angeschlagen, wächsern und höchst
angespannt. Seine Freude wirkte gekünstelt, sein Lächeln aufgesetzt. Der Franzose,
Dormanns "Freund", dagegen strahlte über das ganze Gesicht, reckte den Daumen
in die Höhe, als habe er einen großen Sieg errungen.
Doch um Sieger und Verlierer ging es an diesem Tag nicht. Geträumt
wird von einem global agierenden Multi mit Sitz im Herzen Europas in der Rechtsform einer
Europa AG. Doch bis dahin ist es noch weit. Das Konglomerat Aventis
startet mit rund 95 000 Beschäftigten, die einen Umsatz von 20 Milliarden Dollar
erwirtschaften und in den Aufsichts- und Verwaltungsräten "natürlich"
(Fourtou) keine Interessenvertreter haben werden. Den Managern geht es vor allem um die
berühmt-berüchtigten Synergie-Effekte, womit sie Kostenersparnisse meinen. Bei Aventis
sollen sie sich auf sechs Milliarden Mark binnen drei Jahren belaufen. Was das für die
Arbeitsplätze heißt? Und warum Straßburg als Firmensitz? Auf heikle Fragen gab es nur
schwammige Antworten. Dormann sagte, wo immer Stellenreduzierungen nötig seien, würden
die Möglichkeiten genutzt, um "die Restrukturierung sozial verträglich zu
gestalten". Derzeit Angaben über Arbeitsplätze zu machen, sei
"unverantwortlich". Daß in Straßburg Steuervorteile locken, ließ sich nur
erahnen, als der Vorstandschef anmerkte: "Einige Steuer- und rechtliche Fragen
müssen noch geklärt werden, um eine vollständige Fusion zu verwirklichen." Auf den
Unterlagen des künftigen Mega-Konzerns prangen bereits die Ortsnamen des neuen
Konzernsitzes und von Lyon, wo die "Crop-Science", die Pflanzenschutz-Tochter,
ihre Zentrale haben soll. In Frankfurt bleibt nur der Sitz der Pharma-Aktivitäten.
Dabei waren die Firma Hoechst und und der Frankfurter Ortsteil Höchst
jahrzehntelang eins gewesen. Die Rotfabriker, einst an ihren durch Chemikalien rot
verfärbten Kleidern zu erkennen, fühlten sich in der Firma mit Tor und Brücke im Signet
zu Hause. Hoechst galt als Unternehmen mit vorbildlichen Sozialleistungen, als
"Familie". Aber damit räumte Pragmatiker Dormann schon bald nach seinem
Amtsantritt im Frühjahr 1994 auf man solle die Arbeiter doch Mitarbeiter nennen
und auf das Bild von der Hoechst-Familie aus Realitätsgründen verzichten, forderte der
Mann, dem selbst ein ausgeprägter Familiensinn nachgesagt wird.
Peter Antoszewski, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Chemie,
Bergbau und Energie, regt sich daher, wie viele seiner Kollegen, gar nicht mehr richtig
auf über die neue Firmenkultur, die auf "Globalisierung, Filettierung,
Zergliederung, Outsourcing setzt das geht doch in Ansätzen seit zehn Jahren
so". Wenn ihn die gute alte Zeit umtreibt, dann ist es vor allem die Sehnsucht nach
einer Ära, in der die paritätische Mitbestimmung nicht umstritten war und die Arbeiter
sich auch über die Mitsprache an Entscheidungen mit der Firma identifizierten. "In
Zukunft werden die Aufsichtsräte der Tochterfirmen in Frankfurt die Entscheidungen, die
in Lyon oder Straßburg gefällt werden, nur noch nachvollziehen können", sagt
Antoszewski. "Da löst sich ein traditionsreiches Unternehmen in Luft auf. Die
Unternehmensleitung verspricht uns eine Stärkung des Standortes Frankfurt aber
nur, um uns ruhig zu halten."
Das Unternehmen Moses
Von einer Stärkung konnte bisher keine Rede sein. Erst Anfang des
Jahres rebellierten bei Hoechst selbst Forscher und Führungskräfte gegen Dormann, als
dieser Einschnitte in der Pharma-Abteilung plante. Seither schlägt ihm Haß entgegen.
Dabei war er 1994 als große Hoffnung gestartet, wollte das Verhältnis von Hoechst zur
Außenwelt entfrosten und die Strukturen der Firma entrosten. Als er dies ankündigte, mag
er die Tragweite selbst nicht erahnt haben. Doch nun gilt er als "Totengräber"
von Hoechst.
Revolutionär ging er vor. Er versilberte unter anderem die
Kosmetikfirmen Schwarzkopf, Jade und Marbert, den Anlagenbauer Uhde, die Technische
Keramik, das Trevira-Geschäft und brachte die Spezialchemie in die Schweizer
Clariant-Gruppe ein. Unter dem Decknamen "Moses" feilte er an dem Projekt der
Abspaltung der Industriechemie. Sie steht in den kommenden Wochen an. Durch die Trennung
entsteht ein neuer Konzern namens Celanese. Fast nebenbei blähte er die Pharmasparte auf,
kaufte für zehn Milliarden Mark die US-Firma Marion Merrell Dow und erwarb die noch
fehlenden Anteile an dem französischen Arzneimittelhersteller Roussel-Uclaf.
Klar ist inzwischen, daß Dormann mit diesen Deals auf die Fusion mit
Rhone-Poulenc hinarbeitete. Investmentbanker und Analysten sowie Aktionäre honorieren
dies aber bisher nicht. Bei Hoechst schrumpft der Gewinn, die Schulden stiegen auf 15
Milliarden Mark; und vielen fehlt der Glaube an Dormann auch nach der Bekanntgabe
des Adventis-Abenteuers.
Die Industriestadt Frankfurt wird ohne das Traditionsunternehmen
Hoechst, das sich zuletzt gemeinsam mit der Frankfurter Universität an einem
Forschungsprojekt und mit dem Land Hessen an einem Existenzgründerfonds beteiligte, um
ein Stück Geschichte ärmer sein. Noch sagen Passanten auf der Uferpromenade, "da
drüben liegt Hoechst", wenn sie an der gigantischen Industrieanlage mit ihren
stinkenden Schloten und staubigen Fabrikhallen vorbeilaufen. Aber im Industriepark mit
seinen inzwischen mehr als 30 Firmen heißt es inzwischen schon, "ich bin ein
Clarianter", oder "ich arbeite bei der Agrevo"; nur die Kantinen werden
teilweise noch gemeinsam genutzt.
Peter Kania von der Frankfurter Wirtschaftsförderung trauert dem
Riesen hinterher, der seinen Besitz ohnehin schon stückweise über die Stadtgrenze
fortgetragen hatte. "Hier macht sich ein tiefgreifender Mentalitätswechsel
bemerkbar", sagt er, "aber die Welt verändert sich eben." Früher hatte
der Konzern sich im Stadtteil, in der Stadt stark engagiert, hatte Wohnungen gebaut,
Altstadtfeste und Gebäudesanierungen mitfinanziert. Kania versucht sich zu trösten:
"Das Engagement für die Stadt muß ja nicht abnehmen."
In Schwanheim auf der anderen Mainseite, wo ein Großteil der
früheren Hoechst-Arbeiter lebt und die Entwicklung des Ortsteils maßgeblich von der
Firmengeschichte geprägt ist, macht sich langsam das Vergessen breit. Früher arbeitete
die ganze Familie, Väter, Söhne und Enkel, bei den Rotfabrikern. Heute winken die Alten
ab auf die Frage nach dem Gefühl, wenn sie einen Teil ihrer Lebensgeschichte verschwinden
sehen: "Das ist der Zug der Zeit", sagt eine alte Dame in der Fußgängerzone.
Den Jungen ist Hoechst, einst einer der größten Arbeitgeber der Region, zunehmend fremd.
"Daß die krankgeschrumpft werden, sieht man doch schon daran, daß heute die
Parkplätze leer sind, wo früher Auto an Auto stand", sagt ein Student. Einzig zwei
Ex-Hoechster um die 70, beide Dreher in der Firma auf der anderen Flußseite, ärgert,
daß die "Kleinen ihre Arbeitsplätze verlieren, damit die Großen abzocken können.
Und daß die dort, wo sie jetzt produzieren, viel mehr Dreck in die Luft blasen
können."
Die "Höchster Schnüffler und Maagucker" allerdings
interessiert dann doch eher, was in Zukunft aus den Schornsteinen gepustet wird. Die
Gruppe hatte sich vor fast 20 Jahren gegründet, um Hoechst zu mehr Umweltschutz zu
zwingen und bei den vielen Störfällen die Anwohner zu vertreten. Für Schnüffler Thomas
Schlimme bleibt alles beim Alten: "Egal, wem die Werke gehören solange dort
produziert wird, sind weitere Störfälle möglich. Und solange sind wir nicht
überflüssig." Und fast klingt es so, als fände er das beruhigend.
Copyright © 1997 - Süddeutsche Zeitung. SZonNet 3.1
|
Seitenanfang |
|
|
Seitenanfang |
|